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„Kunstbegegnungen – 5“

Sherman Chaddlesone

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Sherman Chaddlesone (2. Juni 1947 – 17. August 2013) Maler, Grafiker, Bildhauer

Arbeitssituation aus dem Jahr 2000 vor der Galerie „pro art“, Bremen / Deutschland

Sherman Chaddlesone hatte ein Geschenk mitgebracht: Er gab uns einen Einblick in „seine Welt“ und die Art und Weise, wie seine Kultur eine Zusammenkunft wie die unsrige unter einen guten Geist stellt:

Darum hatte Sherman Chaddlesone sich vorgenommen, uns alle – vor Beginn – für ein erfolgreiches Gelingen unseres Symposiums vorzubereiten. Er teilte uns mit, dass er eine Reinigungszeremonie mit uns durchführen möchte und bat uns, gemeinsam einen Kreis zu bilden. Im Mittelpunkt dieses Kreises stand Sherman Chaddlesone; ein verschnürtes Päckchen aus Salbei und Zedernnadeln hatte er nun angezündet. Wir sahen den bereits aufsteigenden Rauch. Mit Hilfe einiger von ihm ausgeführter Körperbewegungen verursachte er Richtungsablenkungen des Rauches. Diese verstärkte er, indem er einen Büschel von weißem Salbei (oben zusammengehalten mit kurzen Zedernzweigen) dazu bewegte, so dass sich der Rauch allmählich im Raum verteilte und wir nun auch seinen Geruch wahrnehmen konnten. Die begleitenden Worte richtete Sherman Chaddlesone dann der Reihe nach an eine jede, einen jeden von uns. Dabei trat er vor sein jeweiliges Gegenüber und reinigte die je persönlichen Energien mit „Waschbewegungen“, so dass man das Gefühl bekam, im Rauch zu baden…

Wir alle waren uns einig darin, dass er uns damit ein besonderes Erlebnis geschenkt hat! – – – Wenn ich heute darüber nachdenke, hat diese Zeremonie meine Gedanken wie auch Empfindungen in zwei Richtungen gelenkt: Einerseits wollte ich das Erlebte rational erfassen, andererseits interessierte mich auch das Zulassen von Intuition. – Ich entschied mich für die Symbiose von beidem: Rauch ist das Ergebnis davon, dass ein materieller Seins Zustand vernichtet wird durch Feuer. Der aufsteigende Rauch lässt die Idee jenes Seins Zustandes aufsteigen in die hohen Sphären des Himmels. Das Erdverhaftete dieser Idee muss losgelassen werden… – – – So wurden wir durch diese Zeremonie dazu aufgefordert, die sich materialisieren wollenden schlechten Gedanken aufzugeben und loszulassen, um sie dem aufsteigenden Rauch zu überlassen… – – – Unser symbolhaftes Denken versteht diese Botschaft – und der Salbei hilft uns dabei… – – – „Hilfe anzubieten“ war ebenso die geistige Überzeugung mit der Sherman Chaddlesone das Ritual ausführte. Damit bot er uns ganz unaufdringlich ein Miteinander an und stellte es jedem frei, sich an seine klaren und starken Gedankenströme anzudocken…

Für diesen Beitrag habe ich den Salbei – Büschel fotografiert. Während ich ihn von der Wand nahm, ist mir bewusst geworden, wie frisch und kraftvoll er nach 13 Jahren immer noch aussieht! Und es fiel mir nun auch auf, dass ich nie Spinnweben oder Staub von ihm habe entfernen müssen. Ich bin beeindruckt!

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Original-Salbeibüschel, welchen Sherman Chaddlesone im Jahr 2000 für die Reinigungszeremonie aus Oklahoma mitgebracht hatte… / Foto: Renate Hugel, 2013

Anmerkung: Diese meine Erinnerungen an die Reinigungszeremonie von vor 13 Jahren sind möglicherweise lückenhaft (oder sogar fehlerhaft?) und persönlich gefärbt.

In diesem geläuterten geistig–seelischen Zustand hatten wir dann damit begonnen, künstlerisch zu arbeiten – eine jede, ein jeder nach ihrer, seiner persönlichen Art… – – – Beim Betrachten der damals entstandenen analogen Fotos fiel mir auf, in welch hoch motiviertem Zustand Sherman Chaddlesone arbeitete. Dabei war er offen für all die neuen Eindrücke, auf die er während seines Arbeitsprozesses reagierte. So war es auch, als er für sich entschieden hatte, zwischendurch auch bildhauerisch zu arbeiten. Heinz Hugel hatte ein paar Ibbenbürener Sandsteine mitgebracht. Sherman Chaddlesone suchte sich einen nicht allzu großen Stein aus. Die Idee, die ihm beim Anblick des nun „seines Steines“ kam, war, einen Büffel zu gestalten. Doch er wollte nicht einfach mit seiner Arbeit beginnen und in für ihn gewohnter Weise arbeiten. Er bezog Heinz Hugel mit ein in seine Überlegungen und ließ sich inspirieren von unserer freien Gestaltungsweise. Und irgendwann war dann die Idee für einen Materialmix bei gegensätzlicher Ausführungskonzeption entstanden: Den Büffelkopf formte Sherman Chaddlesone aus Tonerde,  sorgfältig, präzise in jedem Detail und mit glatter Oberfläche. Den Körper sollte der Stein bilden. Diesen bearbeitete er so, dass die kurzen Schläge mit einem Schlageisen eine raue Spur auf dem Ibbenbürener Sandstein hinterließen und diese damit das Wollige des Fells assoziierten. Bei genauer Betrachtung der fertigen Büffel – Skulptur erkennt man, dass die Werkzeugspuren nicht gleichmäßig auf der Körperoberfläche verteilt worden sind. Dort, wo diese Schlagspuren fehlen, erhält man den Eindruck von schattigen Flecken oder, dass das Fell sich an bestimmten Stellen verdichtet. Ein Hinweis auf die Schwerkraft, welche dort einwirkt, wo das große Gewicht des ruhenden Büffels seine Masse verteilt hat.

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Sherman Chaddlesone: Büffelskulptur – – – Ibbenbürener Sandstein und Tonerde – – – Bremen (Deutschland), 2000 – – – „Mit dieser Skulptur hatte sich Sherman Chaddlesone auf ein Experiment eingelassen, öffnete sich einer freien und expressiven Herangehensweise. Darum ist diese Skulptur untypisch für ihn.“ – – – Renate Hugel

Die Erdverbundenheit des Büffels scheint uns sehr natürlich zu sein bei diesem gewichtigen Tier. Die vielmehr komponierten dunklen Flächen weisen jedoch auf eine bewusst akzentuierte Gestik hin. Sherman Chaddlesone wollte dem Betrachter diesen Aspekt „Erdverbundenheit“ sehr nahe bringen. – – – Warum? – – – Die Antwort darauf erkannte ich ein gutes Jahr später, als wir zum Gegenbesuch nach Oklahoma gekommen waren: In Anadarko, der Heimatstadt von Sherman Chaddlesone, besuchten wir auch das “Southern Plains Indian Museum”. Dort gibt es einen Raum, in dem sich eine Serie von großformatigen Ölgemälden befindet (siehe:Gute Besserung für Sherman Chaddlesone“ unter „In Gedenken an Sherman Chaddlesone“). Sie erzählen in ihrer Gesamtheit die Geschichte der Kiowa – Indianer – vom Anbeginn ihrer Mythenbildung an, befassen sich somit mit der Genese der menschlichen Existenz aus Sicht der Kiowa Vorfahren. Die einzelnen Hochformate haben alle eine Höhe von ca. 2,50 m und wurden von verschiedenen Kiowa – Künstlern gestaltet.  Darunter befindet sich eine Bildersequenz von gleicher gigantischer Größe, gemalt von Sherman Chaddlesone. Auch er nahm in seiner Malerei Bezug zu den Kiowa – Mythen, thematisierte aber auch die Auswirkungen durch das Auftauchen der weißen Einwanderer. Ich erinnere mich noch sehr deutlich an eines seiner Ölgemälde. Auf dem vorherigen Bild waren riesige Büffelherden zu sehen, während auf dem folgenden – dem  von mir erwähnten – eine karge, verdorrte Graslandschaft zu sehen war, auf der sich weder Mensch noch Tier befanden. Darum wandte ich meinen Blick zum oberen Bildteil hin. Dieser bestand aus einem tief wolkenverhangenen Himmel. Kleine Wolkengebilde drängen sich dort dicht an dicht: Ein Himmel voller Schäfchenwolken! Aber nein! Im nächsten Moment realisiere ich: „Es sind keine Schäfchen am Himmel! Es schweben dort – anscheinend zu tausenden – Büffel, von denen im Gedränge nur der Kopf zu sehen ist. Und sie alle blicken beinahe fassungslos auf die Graslandschaft, auf der sie – wie es scheint – eben noch ihre Heimat hatten! Jedes einzelne Wölkchen dieses Himmels hatte der Künstler zart, sensibel und gleichzeitig ausdruckstark gemalt, so dass es sowohl WOLKE als auch BÜFFELKOPF darstellte… Ein sehr beeindruckendes Bild! – – – Und so kam es mir im Nachhinein vor, dass Sherman Chaddlesone in seiner Büffelskulptur die wiedererlangte Erdverbundenheit des Büffels mit dem Stein zum Ausdruck brachte und er seiner Seele ein irdenes Gesicht aus Lehm erschuf… Renate Hugel