Monthly Archives: Februar 2014

„Kunstbegegnungen – 7“

Heinz Hugel

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„one hour“:  Installation von Heinz Hugel – – – auf quadratischer Grundfläche, 2 m x 2 m; 4 Blecheimer mit Fundstücken (jeweils auf den Quadratecken), Stele (Holz+Eisenstange) (im Zentrum der   Grundfläche) – – –  2000, Bremen (Deutschland)

Prolog

Alle Achtsamkeit galt dem sie Umgebenden: Den Pflanzen, Wäldern, Tieren (zu Wasser, Lande und in der Luft), den Energien aller Naturerscheinungen, wie z. B. dem Feuer; oder dem Wetter und im Besonderen dem Wind. Über allem spannt sich der Himmel mit all seinen Gestirnen…

Ihr Weltbild erbauten sich die Ureinwohner Amerikas durch genaue Beobachtung und der intuitiven Sicherheit: Wie oben, so unten – und umgekehrt; wie im Kleinen, so im Großen – und umgekehrt…

Viele, sehr viele Informationen ihrer unmittelbaren Umwelt haben sie verarbeitet und zu einem großen Zusammenhängenden geformt, ihrem Weltbild.

Zwar gab es in Detailfragen Unterschiede von Stamm zu Stamm, aber das Große Ganze des Beobachtbaren war der gemeinsame Nenner.

So verhielt es sich auch bei den Details zu den vier Himmelsrichtungen: Die Aussagen hierzu variierten von Stamm zu Stamm, aber ihre Wichtigkeit für ihr gesamtes Leben haben alle Stämme hervorgehoben. Darum galt ihnen, den Himmelsrichtungen, ihre besondere Aufmerksamkeit.

Wem oder was schenkt der heutige Mensch seine Aufmerksamkeit? Kennt er noch Achtsamkeit?  Renate Hugel

72_HnzPrtr+post_000037Heinz Hugel, Aufnahme aus dem Jahr 2000

„one hour“

 Installation von Heinz Hugel aus dem Jahr 2000

 Während der letzten Wochen vor Symposium-Beginn hatte Heinz Hugel (im Folgenden H. H. genannt) ganz spontan seine Idee zu seiner Installation vor seinen Augen – in allen Details! Und er machte sich sofort daran, alle dafür benötigten Materialien zusammenzutragen. – – – Die Grundidee, die er gefasst hatte, war folgende: Während der Symposiums – Zeit plante er, an vier aufeinander folgenden Tagen jeweils eine Stunde („one hour“) zu gehen. Ausgangspunkt sollte die Galerie „pro art“ sein. Von dort wollte er starten und eine Stunde lang nach Norden, am nächsten Tag nach Süden, usw. gehen. Für jede Himmelsrichtung hatte er jeweils einen Blecheimer mitgenommen. Auf seinem stündlichen Gang sammelte er in diesen Eimer das ein, was andere Menschen achtlos auf die Straße oder den Gehweg geworfen hatten. Und, in jeder Himmelsrichtung wurde er fündig! Die Eimer waren alle gut gefüllt – mit Müll!  Da versammelten sich auf engem Raum Papiere, Schilder, Plastikbänder, Seil, Draht, Blech, eine leere Bierdose, Holzstücke, Elektrokabel, Plastikhüllen u.a.

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Die vier Blecheimer und ihr Inhalt in Nahaufnahme (ohne Pflastersteine)

Heinz Hugel präsentierte seine Installation auf einer quadratischen Grundfläche. Genau auf dem Mittelpunkt dieses Quadrates, dort, wo sich die gedachten Linien zum Anzeigen der Himmelsrichtungen kreuzen, stellte er eine Markierung auf. Diese besteht aus einer hölzernen Grundfläche, die eine Stahlstange stützt. Am oberen Ende dieser Stange hatte H. H. eine halbkreisförmige Holzplatte angebracht, bestückt mit allerlei Fundsachen. Der Ausgangspunkt für die vier gegangenen Wege ist somit markiert: einerseits stellt er die Galerie als Ausgangsort dar, andererseits den Weges-Anfang für alle vier Himmelsrichtungen. Auf der quadratischen Grundplatte führen diese Wege in ihre vier Ecken. Dort hat H. H. die Blecheimer abgelegt und ihren Inhalt teilweise herauspurzeln lassen. – – – Auf jeder Wegesstrecke liegt außerdem noch ein Pflasterstein –  ein Hinweis darauf, dass H. H. zum Abgehen der Strecken (in die vier Himmelsrichtungen) gepflasterte Wege gehen konnte. Während die Indianischen Menschen sich ihre Wege erst mühsam freischlagen oder –schneiden mussten!

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Blick von der Galerie (auf der oberen Ebene) auf:„one hour“ – – –  Installation von H. H. auf quadratischer Grundfläche, 2 m x 2 m / 2000, Bremen (Deutschland)

Auf dem Foto oben ist deutlich eine Geometrie in der Anordnung der Installation „one hour“ zu erkennen. Diese spiegelt unser heutiges naturwissenschaftliches Denken wider. – – – Die Amerikanischen Ureinwohner fanden die gewünschte Himmelsrichtung durch genaues Beobachten von Himmel und Erde. Ihr Erfahrungswissen gab ihnen viele Anhaltspunkte zur Orientierung. Ihr Denken ergab sich aus ihrem Suchen der Wege mit dem Körper und dem Willen – verknüpft mit alten und neuen Informationen. Das gab Verhaltenssicherheit und führte ihre Gedanken zu einer ‚Zusammenschau‘: Ein Prozess, der sich im Laufe von Generationen immer mehr differenzierte – getragen von dem bereits erwähnten symbolischen Denken. Und ihre verschlungenen und verzweigten Pfade führten sie heraus aus dem Chaos ihrer Umwelt. – – – Die gerade Linie aber war ihnen fremd… Denn, sie (die gerade Linie) abstrahiert und erschafft Denkmodelle. Diese greifen ein in die Energieprozesse der Natur und bringen neue Welten hervor. Das hat zu unserem heutigen „Universum“ geführt. Die Natur hatte dabei (vor noch gar nicht so langer Zeit) überhaupt keine Rolle gespielt! Insofern zeigt die Installation „one hour“ unser naturwissenschaftlich geprägtes Denken und seine Kehrseiten – symbolisch im Kleinen…

Um diese Symbolik im Kleinen aufzuzeigen, hatte H. H. seine Aufmerksamkeit vier Mal eine Stunde  auf die Dinge fokussiert, die andere weggeworfen hatten – sie somit der Straße und dem Anblick für andere Menschen überlassen: Ein achtloses Wegwerfen in Gedankenlosigkeit… – – –  Wie auf einem Tablett war diese Tatsache nun präsentiert worden von H. H., der dieses Ergebnis damit in den Focus der Betrachtung gerückt hatte – eine Aufforderung, sich darüber Gedanken zu machen?

Meine Gedanken dazu inspirierten mich zu dem „Prolog“, den ich meiner Interpretation vorangestellt hatte. Im Sinne dieses Prologes kann ich auch an dieser Stelle sagen: „Wie im Kleinen, so im Großen“. Der gesammelte und präsentierte Abfall steht für mich symbolhaft für alle anderen Abfälle zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Selbst im Weltall tummeln sich inzwischen viele verschiedene Dinge, z. T. mit beträchtlichen Ausmaßen. – – – Das Erhabene von Natur inspirierte einst dazu, große Bedeutungs- und Sinnzusammenhänge zu achten! Die Installation von Heinz Hugel gibt einen Hinweis auf das Fehlen der Achtsamkeit für die kleinen und großen Zusammenhänge in unserer heutigen „modernen“ Gesellschaft. Interpretation: Renate Hugel

„Kunstbegegnungen – 6“

Margaret Hetrick

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Margaret Hetrick: „Auf der Flucht“ – – – Dort, wo wir waren, Dort, wo wir sind – – – (In Flight – It’s where we were, it’s where we are) – Collage auf Papier, 71,5 x 50,5 cm / 2000

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Margaret Hetrick hält eine Rede zur Ausstellungseröffnung am Ende des Symposiums, 2000

Margaret Hetrick bereitete sich selbst für die Zeit unseres gemeinsamen Symposiums auf jenes Thema vor, welches sie persönlich schon seit ihrer Jugendzeit in Texas sehr berührt hatte: „Die Flucht“. Für die Verwirklichung ihrer Ideen wählte sie die Collage – Technik. Während der Vorbereitungszeit (vor dem Eintreffen unserer Gäste) hatte sie hierfür viel Bildmaterial aus verschiedensten Zeitschriften gesammelt. Und so sahen wir sie stets dabei, aus ihrem Fundus Motive auszuwählen und sehr akribisch auszuschneiden… – – – Mit diesen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln erschuf Margaret Hetrick einen imaginären Raum. In seinem Zentrum ist dessen Thema „Flight“ („Flucht“) in großen Lettern zu lesen. Gleichzeitig wird die Aufmerksamkeit des Betrachters gespalten durch mehrere symbolhaft eingefügte Landkartenfragmente. Diese symbolisieren das in der Vergangenheit erzwungene Unterwegssein in alle Himmelsrichtungen (siehe „Windrose“ oben rechts im Bild). Die Augen des Betrachters wandern von einem Lebensmittelpunkt zum nächsten. Damit fehlt dem Raum ein Zentrum, welches unseren Blicken ein „Angekommen“ signalisieren würde – aber es gibt „kein Zuhause“, in dem man „ankommen“ könnte! Dieses assoziierte Unterwegs-Sein war allerdings Lebensrealität für die Betroffenen!

Indem der Betrachter sich in den oben beschriebenen Raum begibt, begleiten ihn all die Assoziationen, welche verstreut eingefügte Worte in ihm auslösen: Explore! (Entdecke, erforsche etwas!), Who’s afraid of flying? (Wer fürchtet sich vor der Flucht?), Go! Don’t worry! (Gehe! Sorge Dich nicht!), Afraid of flying? (Angst zu fliehen?) oder Escape! (Entkomme!). Als Betrachter möchte man dem Zynischen und Grausamen dieser Aussagen unwillkürlich entfliehen, sich nicht damit auseinandersetzen. Bei den betroffenen Amerikanischen Ureinwohnern reißen die Assoziationen, welche diese Aussagen hervorrufen, alte Wunden wieder auf. Die „Ebene der Gegenwart“, in der wir uns bisher aufgehalten haben, erhält einen Riss und legt das Vergangene offen: In dem Raum dahinter, dem der „Vergangenheit“, sehen wir keine historische Szene. Wir sehen nicht, wie die Familien gelebt hatten oder hören auch nicht ihre Gespräche untereinander – zum Beispiel. Vielmehr blicken wir „quasi“ ins „Blaue“, können aber Wortfragmente entziffern: “Frequent” – „häufig wiederholt (Es betraf alle Stämme und einen jeden?); oder „tal“ – „tale?“  „Erzählung?“ (Das Trauma wurde mündlich überliefert?) beispielsweise…

Wir müssen feststellen, dass die Vergangenheit quasi ausgelöscht worden ist: Handlungsabläufe des täglichen Lebens, die Sprache, Traditionen wie auch rituelle Handlungen und religiöse Vorstellungen. Denn, es war mit überwiegendem Erfolg verhindert worden, dass Eltern ihr Können und Wissen an ihre Kinder weitergeben konnten. Die „Festplatte“ war fast gelöscht worden. Das, was gegenwärtig ist, ist das Trauma, welches von Generation zu Generation so lange weitergegeben wird, bis es verarbeitet worden ist. Diesen Zustand hat Margaret Hetrick mit der Leere, dem „Blau“ zum Ausdruck gebracht. Und das, was in dieser Leere „hochkommt“ auf die Ebene des Bewusstseins, sind die Worte, welche bittere Assoziationen hervorrufen und mit ihrer Heftigkeit bis in die „Ebene der Gegenwart“ hineinreichen, wie oben beschrieben…

Auf der Ebene „der Gegenwart“ gibt es außer den Wortfetzen noch eine Flüchtlingsgruppe (unten links im Bild), die offenbar dem bisherigen Zuhause den Rücken zuwenden muss. Dabei handelt es sich allerdings nicht um Indianische Menschen. Auf der anderen Bildseite, der rechten, macht sich eine einzelne weibliche Person auf den Weg. Ist auch sie auf der Flucht? Ihre Körperhaltung verrät: Sie befindet sich in einem introvertierten Zustand. Jemand, der auf der Flucht ist, ist sicher nicht so ruhig und ausgeglichen, vielmehr in einem Zustand äußerster Verzweiflung… – – – Man mag sagen: Das entsprechende Fotomaterial hatte gefehlt. Die junge Frau erinnert mich in ihrer Pose jedoch an die Grundstimmung von Margaret Hetrick – nicht nur während ihrer Arbeit an der Collage. Darum ist es für mich, als ob Margaret selbst diesen „Raum der Gegenwart“ betritt! Dabei offenbaren ihre Körper- wie auch Geisteshaltung „Nachempfinden und Mitgefühl“. Und somit sehe ich darin ihre Aufforderung an uns als Außenstehende über das große Leid der Betroffenen nachzudenken. Tatsächlich empfinde ich die Arbeit von Margaret Hetrick in ihrer Gesamtheit als einen Versuch,  Empathie zu transportieren: Sie eröffnet für den Betrachter die Möglichkeit, sich einer Bereitschaft zur Empathie, also zum Mitfühlen und Nachempfinden, zu öffnen… Interpretation: Renate Hugel

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Margaret Hetrick während der Gestaltung ihrer Collage „Auf der Flucht“, Bremen, 2000

Margaret Hetrick lebte bis zum Jahr 2000 noch in Deutschland, wo sie sich nach ca. 20 Jahren schon so gut wie „zu Hause“ gefühlt hatte. Dennoch hatte sie bereits die Fühler ausgestreckt, denn sie plante, in ihre Heimat Texas zurückzukehren. Und dieser Umstand hatte dazu geführt, dass Margaret Hetrick einem spontanen Gedankenblitz von mir die Chance hatte geben können, Wirklichkeit zu werden. Wie es dazu gekommen war, beschreibe ich in meinem Beitrag „Chronologie der Vorgeschichte – I“ (Diesen Beitrag habe ich ebenfalls unter „Kunstbegegnungen“ abgelegt und den „nummerierten  Kunstbegegnungen“ vorangestellt.) – – –  Aufgrund der unter „Chronologie…“ beschriebenen Ereignisse war Margaret Hetrick Organisatorin unseres Symposiums geworden. Somit hatte sie sich dafür verantwortlich gefühlt, dass unsere Gäste bei Fragen aller Art zu ihr kommen konnten. Und diese sich selbst auferlegte Aufgabe nahm sie gewissenhaft wahr. Margaret war quasi das Bindeglied zwischen unseren indianischen Gästen und uns…

Seit dem Jahr 2000 lebt Margaret Hetrick wieder in ihrer ursprünglichen Heimat Texas. Sie arbeitet dort als Journalistin; auch fotografiert sie viel. Im Laufe der Jahre hatte sie einige Foto – Ausstellungen präsentiert.   Renate Hugel