Monthly Archives: August 2014

Kunstbegegnungen – 10

„Zwischenzeit“ und „Nach Kolumbus“

– Jereldine Redcorn –

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Jereldine Redcorn: Links: Die Zeit des Wartens (auf das Ende des Trockenvorgangs) – – – Rechts:Kopf – Gefäß“ Caddo – Keramik (gestaltet von Jereldine Redcorn nach dem Vorbild ihrer Caddo – Vorfahren), während des Trockenprozesses

Teil 1: Zwischenzeit

 Während der ersten Zeit unseres Symposiums konnten wir alle beobachten, wie Jereldine Redcorn (J. R.) ein Tongefäß nach dem anderen erschuf, ohne Hast oder Eile aber stetig, konzentriert und voll Hingabe. Die Gefäße schienen ihren Händen zu entwachsen – denn, sie benötigte kein Vorbild oder irgendein anderes Modell. J. R. hatte alles verinnerlicht: Größe, Form, wie auch das einzuritzende Muster! (Siehe dazu: „Kunstbegegnungen – 2“) – – – Nachdem J. R. ca. sechs Gefäße gearbeitet hatte, erklärte sie diesen ersten Arbeitsschritt für vollendet. Vor dem Brennvorgang folgte erst einmal das Warten darauf, dass „die Zeit“ dem Ton – nun in Form der Gefäße – während der Trocknung das Wasser entzieht…

Diese „Zwischenzeit“ hatte J. R. allerdings eingeplant und bereits in Oklahoma Vorbereitungen dafür getroffen, etwas Neues ausprobieren zu können. Auf ihrem Arbeitsplatz sah man nun Federn, Knöpfe oder Wolle bzw. Schnüre – jeweils aller Art: J. R. hatte sich vorgenommen, Masken zu erstellen…

Einige Beispiele ihrer Masken habe ich hier zusammengestellt:

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Jereldine Redcorn: Hasinai

Maske aus Keramik, lasiert; auf Holzplatte, schwarz gefasst – – – Applikationen: Wolle, Federn, Perlen – – – Bremen, 2000

Hasinai: Jereldine Redcorn (J. R.) erinnert mit dieser Maske an die Hasinai-Menschen, Gruppen von Caddo sprechenden Ureinwohnern, die ursprünglich aus dem Osten des heutigen Texas kamen. Mit verschiedenen Materialien hat J. R. eine Identität aufgebaut – so, wie die Identität eines Hasinai (wie auch die der Caddo-Menschen insgesamt)  dereinst sich ebenfalls immer wieder neu ausbilden musste in Folge von Ereignissen, durch welche sie immer wieder gezwungen waren, sich neu zu arrangieren und zu definieren – um zu überleben! Mir fällt dabei auf, dass J. R. die Mundpartie besonders hervorgehoben hat durch den offenen, „sprechenden“ Mund. Die Caddo – Sprache war eines der sie verbindenden Elemente für alle „Caddo – Gruppierungen“. Dennoch hat J. R. diese Mundpartie gleichzeitig in den Hintergrund gedrängt. Sie hatte eine dunkle Lasur ausgewählt, die die artikulierenden Lippen in eine Dunkelheit tauchen: Die gemeinsame – Identität stiftende – Caddo – Sprache war ausgelöscht worden!

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Jereldine Redcorn: Eagle Man (Adler Mann)

Maske aus Keramik, lasiert; auf Holzplatte, schwarz gefasst – – – Applikationen: Schnur, Federn, Perlen – – – Bremen, 2000

„Adler-Mann“ (Eagle Man): Ich schaue in ein Bewusstsein, das sich zurückerinnert an jene Zeiten, in denen das Eintauchen in eine andere Existenz und „Identität mit einer geänderten Geisteshaltung“ selbstverständlich war, wie ich meine: Vom bewussten Sein (helle Gesichtshälfte) zum Abtauchen ins Unbewusste (dunkle Gesichtshälfte): Die Konzentration auf die „Kraft von Körper und Geist des Adlers“.

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Jereldine Redcorn: „Ursprung von Tag und Nacht  

Masken aus Keramik, farbig gefasst; auf Holzplatte, schwarz gefasst – – – Applikationen: Schnur, Federn, Perlen – – – Bremen, 2000

„Ursprung von Tag und Nacht“ (Origin of Day and Night): Diese Arbeit von Jereldine Redcorn empfinde ich als bereits reduziert in der Wahl des Materials, welches ihr zur Verfügung gestanden hatte, und dadurch als sehr ausdrucksstark. Erstellen von Masken war für J. R. ein „Ausflug“. Wieder zu Hause in Oklahoma, hatte sie später das Thema „Masken“ nicht wieder aufgegriffen – soweit ich weiß. Ihre Hingabe gilt den keramischen Gefäßen ihrer Vorfahren…

Ursprung von Tag und Nacht“ bezieht sich auf eine alte Legende der Caddo – Ureinwohner mit gleichem Titel. Die Legende erzählt davon, wie das Jagdverhalten Einfluss nimmt nicht nur auf das Jagdergebnis, sondern auch auf das gesamte Leben. Wird zum Beispiel ein gepunkteter Hirsch getötet, dann wird alles zu jeder Zeit gepunktet erscheinen. Wird ein schwarzer Hirsch getötet, ist alles immer nur dunkel. Einen weißen Hirsch zu töten brachte zwar das Licht, aber immer und überall zu jeder Zeit. Und das war auch nicht gut. Die Menschen erkannten dadurch die Notwendigkeit, einen weißen und einen schwarzen Hirsch gleichzeitig zu töten. Als ihnen das gelungen war, gab es fortan den Tag und die Nacht. (Frei erzählt nach der Legende „Origin of Day and Night“)*.

Meine Interpretation: Die Legende lehrt, dass wir bei allem, was wir tun, gleichzeitig das Gegensätzliche beachten und in unser Tun mit einbeziehen müssen. Nur so schaffen wir eine Balance und Ausgeglichenheit im Leben. Dass dieses eine besonders schwere Herausforderung ist, lehrt uns das Leben…

* Quelle: http://arkarcheology.uark.edu/indiansofarkansas/index.html?pageName=Story 2: Creation of Day and Night

Information zur Quellenangabe: Dieses ist eine offizielle Seite der Universität Arkansas; von Europa aus hat man offenbar keinen Zugriff dazu. Ich habe die Seite über eine Suchmaschine gefunden. Dabei hatte ich die Stichwörter „Caddo Tag und Nacht“ eingegeben.                                             Renate Hugel

Teil 2: Ich weiß jetzt, wie…

An jenem Tag arbeiteten wir alle wie immer intensiv und konzentriert. Irgendwann bemerkte ich, dass Jereldine Redcorn bereits eine ganze Weile neben mir gestanden und mich bei meiner Arbeit beobachtet  hatte. Als ich hochblickte, trafen sich unsere Blicke. Ich war wohl erstaunt; Jereldine reagierte so, als wenn sie sich ertappt fühlte. Mir wurde in diesem Moment bewusst, dass Jereldine vorher bereits auch bei den anderen aus der Gruppe Quintum gestanden und sich nach einiger Zeit wieder entfernt hatte. Das hatte ich während der Arbeit immer mal wieder aus dem Augenwinkel mitbekommen, bin innerlich jedoch bei meiner Arbeit geblieben. Während ich dieses realisiert hatte, hörte ich Jereldine sagen: „Ich weiß jetzt wie ihr arbeitet: Ihr malt, was ihr wollt!“ Noch ehe ich nachfragen konnte, wie sie das gemeint hat, war sie verschwunden und wieder an ihren Platz gegangen. Und ich tat das, was alle taten: Ich arbeitete weiter.

Eine ganze Weile war inzwischen vergangen und eine jede, ein jeder vertieft in die eigene künstlerische Tätigkeit… – – – Plötzlich kam Jereldine wieder zu mir. In den Händen hielt sie eine Arbeitsplatte aus Pressholz, auf der mehrere zu „Tonscherben“ geformte Stücke wie „weggeschleudert“ lagen. Sie zeigte mir diese Platte mit den Worten: „Hier, das ist Nach Kolumbus!

Nun fühlte ich mich meinerseits „ertappt“! Gleichzeitig fühlte ich in mir ein Gefühl sich Platz machen, das allmählich im Kopf ankam und sich dort in Worte fasste: „Ich weiß, ihr habt etwas Größeres, Gewaltigeres und völlig Grausames aufzuarbeiten!“ Ich fühlte mich beschämt, während sich in mir diese stummen Worte formten… – – – Noch ehe ich weiterdenken konnte, entriss mich augenblicklich das fröhliche und leichte Lachen von Jereldine aus meiner inneren Reaktion – und ihre Freude erfüllte den Raum! Es war ihre Freude darüber, dass sie „verstanden hat“! Ja, es war ihr wichtig, dieses mir mit ihrem Blick zu kommunizieren: Sie suchte dabei mit Bestimmtheit meinen Blickkontakt. Und die Schwingungen von Freude und Verstehen potenzierten sich bei uns gegenseitig, machten uns alle „federleicht“ und „beflügelten“ unser Tun…

Auf dem Foto unten ist die fertig gestellte Arbeit von Jereldine Redcorn zu sehen, die ich in der oben beschriebenen Situation im Rohzustand zu Gesicht bekommen hatte:

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Jereldine Redcorn:   „Nach Kolumbus“

Keramische Bruchstücke, lasiert; auf Holzplatte, schwarz gefasst – – – Bremen, 2000

Irgendwie hatte mich im Nachhinein ein Gefühl durchfahren, einen „historischen Moment“ erlebt zu haben! Sollte das jetzt die Aufforderung dazu sein, gemeinsam mit einem „Scherbensammeln“ zu beginnen? (Siehe: „Kunstbegegnungen – 9“) Doch, solch einer großen Frage gegenüber fühlte ich mich ohnmächtig. Und ich war froh, dass immer noch Jereldine‘s befreiende Schwingungen von „Leichtigkeit und Freude“ im Raum  schwebten!  

Jereldine hingegen erlebte ich als große „Scherbensammlerin“ im wahrsten Sinne des Wortes! Sie widmet sich dem Wiedererwecken der alten hochentwickelten handwerklichen und künstlerischen Techniken ihrer Vorfahren: Jereldine Redcorn erhebt mit ihrer engagierten Arbeit das, was dereinst achtlos zerstört und für wertlos gehalten worden ist, und platziert die fertiggestellten keramischen Gefäße damit auf den Sockel der Wertschätzung, umgeben von einer Aura aus Hingabe und Empathie – jener seelischen Strahlkraft, die Jereldine Redcorn mit ihrem Tun jedem einzelnen Stück einhaucht. (Siehe dazu: www.redcornpottery.com)

Wenn ich von „einhauchen“ und „Aura“ spreche, klingt das sehr abstrakt und wenig nachvollziehbar! Darum möchte ich an dieser Stelle Pablo Picasso zitieren, der einmal gesagt hat:

„Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele.“

Je mehr ich mich von dem „Scherbensammeln“ verabschiedet (siehe „Kunstbegegnungen – 9“) und mich mit den Möglichkeiten von Kunst beschäftigt hatte, desto mehr kam ich persönlich zu dieser Überzeugung: „Ich kann mich erst dann mit meinem Ergebnis zufrieden geben, wenn mein Kunstwerk den oben zitierten Anspruch von Picasso erfüllt!“

In „Kunstbegegnungen – 2“ hatte ich beschrieben, wie sehr Jereldine Redcorn enttäuscht gewesen war, als sie realisieren musste, dass die klimatischen Verhältnisse in Deutschland (im Sommer 2000) nicht optimal waren, um die Lasur so hinzubekommen, dass die Tongefäße in ihrem Aussehen den historischen Vorbildern gleichkommen. Das Ausmaß dieser Aussage versteht man eigentlich erst richtig, wenn man sich ihre Ergebnisse ansieht, die zu Hause in Oklahoma entstanden sind:

www.redcornpottery.com, dann „Portfolio“ anklicken

 Die Perfektion der Formen potenziert sich zusammen mit den feinen akribischen Einritzungen in die Oberflächen der Keramiken. Eine weitere Steigerung der Empfindung von „Ganzheit“ im Sinne von „ganz bei sich selbst sein“ bringt darüber hinaus der Oberflächenglanz! Der „Königsweg“ ist am Ziel, wenn alle drei Merkmale in ihrer Perfektion (Form, eingeritzte Zeichnungen und Oberflächenglanz) zusammen verschmelzen zu etwas ganz Besonderem, das uns als Betrachter „berührt“. Und „mit einem Wisch“ erhöht sich unsere Seele und „entwischt damit gleichsam dem Staub des Alltags“ – um im Bild von Picassos Ausspruch zu bleiben!

Jereldine Redcorn hat mit ihren Arbeiten, diese „Verzauberung“ geschafft – nach meinem Dafürhalten. Und, da J. R. die Arbeiten ihrer Vorfahren hervorhebt aus der Vergangenheit, Zerstörung und Nichtachtung, sind es ebenso die Caddo – Ureinwohner Amerikas, die ihr Handwerk zur Kunst erhoben und in ihr Leben integriert hatten!  Renate Hugel

Anmerkung: Aktueller Stand: Zu Jereldine Redcorn habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 2“ und „Kunstbegegnungen – 10“ geschrieben.

In Erinnerung an Sherman Chaddlesone

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Bildangaben: Renate Hugel: „In Erinnerung an Sherman Chaddlesone“ – – – Bleistiftzeichnung auf Transparentpapier, hinterlegt mit einem Fotoausschnitt*, 16 x 25,5 cm, 2014 – – – * Ausschnitt aus einem Foto, aufgenommen während der Kiowa Black Leggings Zeremonie in der Nähe von Anadarko, Oklahoma, 2001

Ein Jahr ist vergangen: Es jährt sich der Todestag von Sherman Chaddlesone (2. Juni 1947 – 17. August 2013) mit dem heutigen 17. August 2014! – – – Wir, Renate und Heinz Hugel, gedenken an diesem traurigen Erinnerungstag der Trauer seiner nächsten Angehörigen: Allie Chaddlesone (Witwe), Shawn Dae (Tochter), sowie auch allen anderen Familienangehörigen!

 In Erinnerung an Sherman Chaddlesone habe ich, Renate Hugel, dieses Portrait gestaltet. Im Hintergrund meiner Bleistiftzeichnung auf Transparentpapier ist das Tipi zu sehen, welches neben der Tanzfläche aufgebaut worden war für die Kiowa Black Leggings Zeremonie. Vor dem Tipi sind Schatten anderer Teilnehmer zu sehen. Dabei handelt es sich um einen Ausschnitt eines Fotos, das ich im Jahr 2001 dort aufgenommen hatte. Ich möchte damit daran erinnern, wie wichtig für Sherman Chaddlesone die Pflege der alten Traditionen war und wie sehr er sich dadurch für den Erhalt der Verbindung zu den Stammes-Vorfahren engagiert hatte!

Gleichzeitig war es Sherman Chaddlesone auch wichtig gewesen, dass seine Frau, Allie Chaddlesone, als Tänzerin regelmäßig an den jährlichen Veranstaltungen ihres Stammes teilnehmen konnte. Allie Chaddlesone ist ein eingetragenes Mitglied des Kootenai – Stammes. Ihr Mann Sherman begleitete sie stets zu den jährlichen Tänzen nach Montana / Idaho, damit sie dort in den Bergen an den traditionellen Medizin-Tänzen ihres Stammes teilnehmen konnte!                      Renate Hugel