Monthly Archives: Oktober 2014

„Kunstbegegnungen – 11“

Sherman Chaddlesone: (2. Juni 1947 – 17. August 2013)

 “I Follow in the Path of Eagles”

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Sherman Chaddlesone: “I Follow in the Path of Eagles”

Acryl auf Leinwand / 70×70 cm / Bremen, Deutschland, 2000

“I Follow in the Path of Eagles”  (Ich folge dem Pfad der Adler)

Das Gemälde hat die Außenmaße 70 x 70 cm und war von Sherman Chaddlesone (Sh. Ch.) auf einer Leinwand gemalt worden, die in Bremen (Deutschland) gekauft worden ist.

Bestimmend für den Aufbau des Bildes sind die Farbflächen Blau und Rotbraun. Wie ein „Gebirge“ erhebt sich der Körper der dargestellten Person im Vordergrund des Bildes, eingehüllt in eine Decke. Das Rotbraun dieser Decke, die die Körperform abzeichnet, verfärbt sich nach unten hin allmählich ins Dunkelbraun bis Schwarz. Damit deutet Sh. Ch. eine enorme Erdung an! Im Gegensatz dazu erstrahlt das Blau des Himmels vorwiegend freundlich, während am oberen Rand des Bildes dunkel verfärbte Wolken hinwegziehen. Um die Bildmitte herum gruppieren sich Kopf und Arm der Person, der Adler, wie auch die Federn eines Büschels – beinahe wie ein Rahmen.

Was sagt Sh. Ch. uns über diese Begegnung und wo befindet sich „der Pfad der Adler“?

Sh. Ch. hat einen Kiowa Ureinwohner gemalt, der sich auf die Begegnung mit dem Adler vorbereitet hat: Seine Kleidung und sein Feder-Kopfschmuck deuten dieses an. In der linken Hand hält er ein Federbüschel, auf das er sich in Ausübung seiner Zeremonie konzentriert. Zur Unterstützung seiner Konzentration wurden Teile des Gesichts unter einer maskenähnlichen Bemalung verdeckt: Die eigene Person soll dadurch in den Hintergrund treten, wie ich meine, und damit gleichzeitig die eigenen Gefühle. Mit Hilfe der Maske wird somit die Individualität aufgegeben während der Kulthandlung. Die gemalte Person reduziert sich auf das Prinzip „Mensch“. Ich sehe die Zeremonie als handelnde Unterstützung von Denken, während die Kultgegenstände die angestrebte veränderte Ich-Wahrnehmung und Ich-Definition unterstützen. Selbst die eigenen Haare sind nicht zu sehen. Die dadurch erzielte Ausrichtung der Aufmerksamkeit der Person auf sein anvisiertes Ziel hin macht den Geist frei und offen für das Wahrnehmen von Vorgängen außerhalb des eigenen Denkkreises.

Der Blick des Betrachters wandert nun weiter zum Federschmuck, dessen Aufbau Sh. Ch. bis hin zu den kleinsten Details gemalt hat. – – – Die Federn stecken in einem Stirnband, das alles zusammenhält und dessen Oberfläche mit geometrischen Formen (Dreiecken) bemalt worden war. Da es sich um sehr große und kräftige Federn handelt, ragen die dicken Federkiele noch darüber hinaus. Sie wurden miteinander „vernäht“, um sie so in ihrer Lage zu befestigen. Die entstandene Nahtlinie, die dem Ganzen Halt verleiht, erfährt eine poetische Auflockerung durch das „Einknüpfen“ von Federflaum mit seinen feinsten Federhaaren, welche weich und somit ohne Ausrichtung sind. Diese Zartheit des Federflaums hat Sh. Ch. mit erstaunlicher Sensibilität gemalt – wie auch das Gemälde insgesamt! Damit hat er seinerseits den hohen Wert von Sensibilität nicht nur in der Wahrnehmung, sondern auch im Handeln hervorgehoben, wie ich meine. – Aus der spielerischen Hingabe des Federflaums an alle Luftströmungen geht schließlich eine Stabilität der Federn hervor ausgestattet mit einer parallelen Ausrichtung der einzelnen Federhaare zueinander. Damit bilden die eigentlichen, kraftvollen Federn den Abschluss des Federschmucks. Parallel dazu empfinde ich die Ausrichtung des Geistes der dargestellten Person: So wie die Federn – trotz Stabilität – immer noch sensibel auf veränderte (Luft-) Strömungen reagieren können, sollte das auch der menschliche Geist tun. Denn, darin sehe ich das Eingebunden Sein des Menschen in seine Umgebung (Luft, Tiere, Pflanzen, Wasser, Wetter, z. B.)

Im Zentrum des Bildes erblickt der Betrachter das Blau der Lüfte und des Himmels. Etwas beinahe Immaterielles scheint im Zentrum der Aussage zu stehen! Diese Überlegung führt mich zurück zu der oben gestellten Frage nach dem „Pfad des Adlers“, was mich zunächst zu folgenden Überlegungen veranlasst hat:

Der Pfad des Adlers führt vor allem in die Lüfte. Dort bewegt er sich am sichersten. Mit jedem Flügelschlag passt der Adler seinen Flug den Strömungsverhältnissen in der Luft an – mit Hilfe seiner präsenten Achtsamkeit. Er nutzt die große Höhe und den Sturzflug. Dabei helfen ihm seine Augen, die selbst in größter Höhe das Geschehen auf der Erde wahrnehmen können. All diese Fähigkeiten führen ihn zu dem Ziel, sein Überleben sichern zu können. Genau dieses Können verleiht dem Adler seine Souveränität in der Beherrschung des Luftraumes. – – – Die amerikanischen Ureinwohner bewunderten den Adler deshalb – wie ich meine – und er wurde für sie zu dem großen Vorbild, welches den „richtigen Pfad“ zeigen kann – hinauf zur Sphäre des „Großen Geistes“! Denn, der Adler kann einen Raum durchdringen und nutzen, der für den damaligen Menschen mit seiner Bodenhaftung unerreichbar schien.

Sh. Ch. hat den Adler eher kompakt gemalt, die Umrisse der Silhouette des Vogels jedoch hervorgehoben. Mit dieser Malweise hat er den Adler auf seine Urform reduziert ohne individuelle Züge. Das Prinzip „Adler“ hat Sh. Ch. so hervorgehoben. (Der Kiowa Ureinwohner hatte sich vorbereitet und seine Ich-Wahrnehmung auf das Prinzip „Mensch“ reduziert für diese Begegnung, wie oben beschrieben). Gleich einer Momentaufnahme erscheint die dynamische Flugbewegung des Adlers, wie auch sein geöffneter Schnabel. Damit hebt Sh. Ch. das von innen heraus kraftvolle Agieren des Adlers hervor: Bei ihm, dem Adler, gibt es keine Zweifel, nur Sicherheit. Er weiß, denn  Es weiß in ihm… – Und genau mit dieser inneren Überzeugung stößt der Adler seinen Schrei heraus! Der gemalte amerikanische Ureinwohner (in seiner Konzentration auf sein Federbüschel) nimmt diesen Schrei wahr. Seine Sinne, inzwischen durch die konzentrierte Achtsamkeit verfeinert, wollen nun verstehen und deuten: Ein Unheil hatte sich angekündigt, das abgewendet werden konnte! Sherman Chaddlesone hatte es auf seinem Gemälde so „formuliert“: Ein Gewitter drohte, den Himmel mit dunklen Wolken zu überziehen – diese zogen jedoch unvermittelt ab und gaben den freundlich strahlenden Himmel frei…

„Die Luft ist wieder rein“.

Eingebettet in die großen Naturzusammenhänge, erlebten die frühen  Ureinwohner Amerikas in ihrer  Umwelt die reinigende Kraft der Natur, wozu auch die Natur des Menschen zählt. Darum konnten sie diese Reinigung nicht nur in sich und im menschlichen Miteinander spüren, sondern auch in der sie umgebenden Natur. Alles Leben auf allen Ebenen existierte gleichberechtigt nebeneinander im gemeinsamen „Zusammenspiel“ – und im Innehalten spüren wir, wie die Atmosphäre getragen wird von einer Freude am unaufgeregten Wirken eines jeden Lebens…

Sherman Chaddlesone hatte ein Anliegen, das er mit diesem Gemälde ausdrücken wollte – davon bin ich überzeugt. Bereits der Bildtitel klingt für mich wie eine Bekräftigung der eigenen Haltung, wie auch des eigenen Ziels: „Ich folge dem Pfad der Adler“. Meiner Beobachtung zufolge hatte sich Sh. Ch. sehr intensiv seiner sensiblen Malweise hingegeben: Als er sein Gemälde beendet hatte, wirkte er psychisch erschöpft und ausgelaugt… Wohin hat ihn sein „Abtauchen in totale Sensibilität“ geführt? Ich vermute, dass seine Erfahrungen während seines Einsatzes in Vietnam Sh. Ch. geprägt hatten. Er war als ein anderer wiedergekommen und suchte dann sein „Mensch Sein“ für sich neu zu definieren.  Eine Antwort fand er bei seinen Kiowa Vorfahren. Das Eingebunden Sein in die Stammesgemeinschaft war ihm wichtig geworden, wie auch das Bewahren ausgelöschter Traditionen. Ich halte es auch für möglich, dass es ihn beim Malen noch weiter in der Zeit zurückgezogen hatte, wo der Schmerz seiner Vorfahren in seine Seele eindringen konnte…

Es war ihm sichtbar schwer gefallen, wieder in der Gegenwart seines gewohnten Grundgefühls anzukommen, was einige Tage gedauert hatte. Dieses möchte ich so beschreiben: Eine selbstverständliche Grundhaltung von Achtsamkeit (das Wahrnehmen von Details und feinen Zusammenhängen – auf allen Gebieten, wie auch im zwischenmenschlichen Bereich) war für Sherman Chaddlesone das Wesentliche und  Wichtige!

Meine obige Aussage trifft nicht nur für Sherman Chaddlesone als Person zu, sondern sie beschreibt auch seine Herangehensweise an seine Gemälde: Diese befassen sich mit Grundstimmungen der amerikanischen Ureinwohner und Sh. Ch. erschafft dazu seine eigene Symbolsprache, das seinem jeweiligen Anliegen Ausdruck verleiht.

Bei dem vorliegenden Gemälde hat Sh. Ch. mit der Farbe Blau dem sehnsuchtsvollen Fühlen in Gedenken an die eigenen Vorfahren Ausdruck verliehen. Gleichzeitig verweist er mit der Blaufärbung der maskenähnlichen Gesichtsbemalung auf das Geistige, die geistige Grundhaltung seiner Vorfahren.

Das Gemälde „I Follow in the Path of Eagles“ drückt darüber hinaus das Fühlen seines gesamten Kiowa Stammes aus, wie auch das aller amerikanischen Ureinwohner.

In einem anderen Zusammenhang habe ich in meinem Beitrag „Kunstbegegnungen – 5“ das großformatige Gemälde kurz beschrieben, welches im “Southern Plains Indian Museum” in Anadarko (Oklahoma) zu sehen ist. Die eindrucksvoll gemalte Aussage, imponiert durch die Perfektion der Malweise, wie auch durch die gemalte Symbolik – und ist damit auch ein Beispiel für meine Aussage (siehe oben) zu Sh. Ch. als Mensch und Künstler.

Doch, wenn wir ein anderes Gemälde von Sherman Chaddlesone als Beispiel seiner malerischen Aussagen heranziehen, widerfährt uns ganz spontan ein Aha-Erlebnis!

Ich spreche von dem Bild „End Of The Sundance“ („Das Ende des Sonnentanzes“) von Sh. Ch, das unter der folgenden Internetadresse betrachtet werden kann:

http://www.firstpeople.us/pictures/art/odd-sizes/ls/End-Of-The-Sundance-1050×796.html

Das Gemälde überwältigt den Betrachter durch die eindrucksvolle Symbolfindung von Sh. Ch.: Mit der Wucht mehrerer Tornados reißt die Gewalt alles „Indianerleben“ nieder, hinterlässt eine Wüste. Dieser rohen Gewalt stellt Sh. Ch. seine sensible Malweise gegenüber, mit der er den Betrachter zur Wahrnehmung von Feinstofflichem auffordert, das sich am Horizont verflüchtigt, aufsteigt gen Himmel…   Das, was dort „in der Luft liegt“ macht klar, was es bedeutet, dass Sh. Ch. hier in Deutschland / Europa in sein Bildzentrum einen Himmelsausschnitt gemalt hat, in dem „die Luft rein ist“!                     Interpretation: Renate Hugel

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Linkes Foto: Sherman Chaddlesone während der Arbeit an seinem Gemälde  „I Follow in the Path of Eagles“/ Aufgenommen in der Galerie „pro art“ (Bremen, Deutschland) im Sommer 2000 – – – Rechtes Foto: Sherman Chaddlesone nach Fertigstellung seines Gemäldes  „I Follow in the Path of Eagles“ / Aufgenommen in der Galerie „pro art“ (Bremen, Deutschland) im Sommer 2000

Anmerkung: Aktueller Stand: Zu Sherman Chaddlesone habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 5“ und „Kunstbegegnungen – 11“ geschrieben.             Renate Hugel