Monthly Archives: Januar 2015

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Ein persönlicher Hinweis:

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Renate Hugel: „Lichterfüllte Gedankengänge“ – – –  Aquarellfarben und -stifte – – – Kunst im Kreditkartenformat – – – 2013

 Ich habe angefangen, meine persönliche Homepage* zu aktualisieren und die Texte zweisprachig anzubieten (deutsch + englisch). Bereits fertiggestellt sind „Karteikarten-Art“ und „Taschenkunst“ („TaKu“ = Kunst im Kreditkartenformat), sowie meine Vita. *  www.other-q.com/renate-hugel  Renate Hugel

„Kunstbegegnungen – 13“

– Ronald Anderson –

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Ronald Anderson:  Kirche – Church“  (Acryl auf Karton; 68 cm x 49 cm; 2000)

Kirche – Church

 Das Bild „Kirche – Church“ hat Ronald Anderson (R. A. / ein Mitglied des Chickasaw Stammes aus Tishomingo Oklahoma*) mit Acrylfarbe auf Karton (der Größe 68 cm x 49 cm) gemalt. Beim Betrachten des Bildes fällt auf, dass wir es hier eigentlich mit zwei Bildern zu tun haben, da ein kräftiger schwarzer Strich an der jeweiligen nach innen liegenden Längsseite der Bilder diese voneinander zu trennen scheint. Zwischen den beiden schwarzen Linien befindet sich eine Lücke, die der Künstler mit gelber Farbe eingefärbt hat. Ein leicht grünstichiges, kaltes Gelb hat er dafür gewählt und setzt es somit farblich ab von den kraftvollen Farben seiner Bildinhalte rechts und links davon. Auch wird dieser senkrecht verlaufende Streifen Informationsträger: Die Worte „Kirche Church“ können wir von oben nach unten lesend entnehmen.

Ein Gemälde zum Thema „Kirche“?

Mit dieser Frage im Hinterkopf wird der Betrachter die rechte Bildseite assoziativ als Ausschnitt aus einem Kirchenfenster interpretieren: Eine freie Komposition aus leuchtenden Farben präsentiert sich dort vor blauem Hintergrund. Auch die Spuren der Bleiverglasung hat R. A. mit spontan fließenden Malgesten angedeutet – nicht ausformuliert. Vielmehr wirkt das von Spontaneität geprägte Gemalte wie ein ‚Fragment mit Wiedererkennungswert‘ oder ein ‚Notizzettel‘, der eine Information kurz ‚festhält‘. R. A. hat mit dem ‚Zitat‘ eines bleiverglasten Kirchenfensters symbolisch das Kirchengebäude als Ausdruck des christlichen Glaubens kurz skizziert. Das ist jedenfalls meine Assoziation, die mir beim Betrachten in den Sinn kommt. Dabei sucht mein Geist gleichzeitig nach weiteren Hinweisen – auf das Gebäude beispielsweise. Doch der Notizzettel „bleiverglastes Kirchenfenstersegment“ schwebt frei im Raum ohne weitere Hinweise…

Also lasse ich meinen Blick nun weiterwandern zur linken Bildseite. Da fällt mir auf, dass der fahlgelbe Trennungsstreifen mit seinen schwarzen Senkrechten ebenso spontan und fast ebenso gestisch gemalt worden sind – beinahe so, als wolle der Künstler die „Lücke“ (siehe Kunstbegegnungen – 8) überwinden. Und, noch etwas weiter nach links gerichtet, erscheint meinem inneren Auge spontan die Illusion einer ‚Kathedrale‘!

Warum?

In meinen nun folgenden Ausführungen zu dem linken Bildteil möchte ich den Gründen hierfür auf die Spur kommen.

Diese linke Bildseite wird geprägt von einem feuer-, bzw. blutroten Hintergrund. Ein Wechsel wird dem Betrachter hier abverlangt vom Geistigen des Blaus (rechte Bildseite) zur leiblichen Existenz (linke Bildseite), getragen vom pulsierenden Blut. Wir erkennen zwei Dreiergruppen von Menschen, die einen Halt suchen auf engem Raum, dargestellt mit schwarzer Farbe. Es mag sich um zwei kleine Stückchen Erde handeln, oder um zwei Kähne aus verkohltem Baumstamm. Eine blaue Spur unter den ‚Kähnen‘ könnte darauf hinweisen, dass diese Personen auf einem Gewässer treiben. Auch könnte es sein, dass ihre Welt durch irgendetwas ins Schwanken geraten und ihre bisherige Vorstellung von Leben eingestürzt ist.

Dort, wo die beiden geretteten Stückchen Erde, bzw. die beiden verkohlten Holzkähne beinahe zusammentreffen, dort sehen wir züngelnde Flammen. Und das Rot des Hintergrunds erscheint in diesem Moment als Feuerwand! Gleichzeitig nehme ich wahr, wie aus diesen Flammen jenes mystische, reiherähnliche Krafttier gleich dem „Phönix aus der Asche“ empor steigt! Seine Spur bildet eine Senkrechte, die auf ihrem Weg nach oben auf kraftvoll blühendes Leben trifft. Damit meine ich das große, runde grüne Blatt, welches sich über der Personengruppe befindet. Im Zentrum dieses grünen Blattes haben sich zwei Blumenblüten voll entfaltet und bilden dabei jeweils einen weißen Strahlenkranz. Um diese Blüten herum sehe ich weiße Knospen, welche einen Kreis um die Blüten im Zentrum bilden, sowie einen weiteren Kreis, aus Knospen bestehend, am grünen Blattrand entlang. Damit bildet dieses Blatt ein kraftvolles Zentrum. Allein, die Spur des Phönixes zieht an ihm vorbei und überragt das grüne Blatt: Denn der „Phönix“ strebt ganz nach oben, noch über die obere Bildkante hinaus wollend…

Ich gehe zurück zum unteren Teil des Bildes. Dort blicken den Betrachter offene, neugierige und zuversichtliche Augen an, hellwach – und doch bei entspannter Körperhaltung. Dieses unbesorgte Sein, erfüllt von Zuversicht empfinde ich als großen Gegensatz zur dargestellten misslichen Lage der Personengruppe (wie oben beschrieben). Aus dieser Lage von Instabilität sich zu befreien und sich eine neue Realität zu erschaffen erfordert außer viel Kraft und Arbeitsaufwand vor allem Mut und Zutrauen zu den eigenen Kräften. Und das ist es, was diese Personen ausstrahlen:

Ganz auf sich selbst gestellt verlassen sie sich auf ihre inneren Kräfte. Und dieses vollkommene Vertrauen in ein gutes Gelingen, das ist es, was die Symbolkraft des Phönixes ausmacht. Von diesem erdgebundenem Dasein aus (untere Waagerechte) strebt er unbeirrt nach oben und hinterlässt seine Spur (die Senkrechte).

Nach einer gewissen ‚Durststrecke‘ ergeben sich neue Möglichkeiten der Entfaltung: Das Grün des Blattes verweist zunächst auf vegetatives Wachsen. Die vielen weißen Knospen lassen Heranreifendes erahnen. Sie bergen in sich verschiedenste Möglichkeiten und die Handelnden werden davon  ergreifen, was in ihrer Traumzeit bereits unbewusst angelegt worden ist…

Diese Blattrosette steht aber auch für die Natur in ihrer Gesamtheit, von der der Mensch nur ein Teil ist: Der Urwald regeneriert und alle Lebewesen, denen er Lebensraum bietet, folgen intuitiv diesen Gesetzen des Lebens, der Traumzeit.

Indem mein Blick die Senkrechte und die Blattrosette gestreift hatte, war in meinem inneren Auge die oben erwähnte Illusion einer ‚Kathedrale‘ aufgeblitzt!

Das kraftvoll blühende Leben der Blattrosette hatte mein Empfinden – durch die gleichzeitige Wahrnehmung der Senkrechten – zu der Vorstellung eines Urwaldes hinter der roten Wand zusammengezogen: Die Höhe der Bäume verkörpert das Emporstreben des Phönixes. Ihre enge Gruppierung (der Bäume) erzeugt gleichzeitig eine Vorstellung vom Erhabenen, gleich Kirchengewölben: ‚Der Lebensraum Urwald gleicht einem sakralen Raum‘ war meine Empfindung. Denn, er beherbergt eine enorme Anzahl von Lebewesen verschiedenster Arten, die alle nach ihrer jeweiligen ihnen eigenen Natur existieren (Pflanze, Tier oder Ureinwohner) und trotzdem ein Gemeinwesen bilden, den Urwald.

Ich halte inne: Dieses ‚Kopf Kino‘ hat sich verselbständigt – alleine durch die Kraft der Blattrosette!

Die Rosette, sie spielt eine zentrale Rolle in dem Bild,  denn sie  transportiert Energie, Zentriertheit und ist Ausdruck für etwas In-Sich-Geschlossenes! Ronald Anderson hat das hervorgehoben, indem er sie so platzierte, dass die Blattfläche sich in seiner gesamten Oberfläche hinter der Spur des Phönixes ausbreitet und damit an Rund- oder Rosenfenster der gotischen Baukunst erinnert. Zusätzlich sind es seine Größe, wie auch Höhe (innerhalb des Bildes) die diese Aussagekraft der Rosette betonen.

Von dort aus blicke ich nun nach unten zu den Personen. Sie erscheinen klein von Gestalt. R. A. hat sie jedoch nicht winzig gemalt. Und diese Höhe der Rosetten – Position, aus der man die Menschen in „Kindergröße“ wahrnehmen kann,  korrespondiert mit der Höhenposition von Rosettenfenstern in Kirchen (denn: von der Kirchturmspitze aus schauend, würden die Menschen nur sehr winzig erscheinen). Genau diese Elemente von Übereinstimmung haben die Assoziation ‚Kathedrale‘ erzeugt: Blattrosette (Größe + Position), Senkrechte (‚Phönix‘) und Personen (verkleinert).

Die Rosette ist somit die Augenhöhe des Betrachters und bildet die oben genannten Bezugspunkte…

Eine beeindruckende Aussage liegt in diesem linken Bildteil verborgen! Dem gegenüber bleibt der rechte Bildteil tatsächlich eine schnell ‚formulierte‘ Notiz. Dennoch hat der Künstler mit dem gemalten „Glasscherben“ etwas Wesentliches zwar nicht „ausformuliert“, aber als aussagekräftiges Merkmal aufgegriffen. Etwas, das im Laufe der Jahrhunderte künstlerisch immer weiter entwickelt wurde: Licht und Farben waren inzwischen Partner geworden. Somit entwickelte das Miteinander von Bleifenster und Sonnenlicht eine Erhöhung der Farben und des Farberlebnisses, was ein Gespräch anregte mit dem Geistigen und beide, Verstand wie auch Herz, berührte…

Was aber war die Absicht des Künstlers als er mit gestischer und spontaner Pinselführung dieses Kunstwerk erschuf?

Als äußerst kommunikativer Mensch hat Ronald Anderson (aus damals Oklahoma) sein Gemälde als Widmung an Kelly Church (aus Michigan / siehe Kunstbegegnungen 3 + 12) konzipiert. Seine Intention war es gewesen, ihren Nachnamen ‚Church / Kirche‘ malerisch umzusetzen. Somit ist dieses Werk als eine sehr freundliche Geste gedacht, mit der R. A. Bezug genommen hat auf Legenden der Anishnabe Menschen – also auf die Vorfahren von Kelly Church. Interpretation: Renate Hugel

Zur Person von Ronald Anderson

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Ronald Anderson bei der Arbeit im Atelier der Galerie pro art

Während des Aufenthalts in Bremen, Deutschland im Sommer 2000

Ronald Anderson hat an der Universität von Oklahoma Kunst studiert. Viele Jahre hat er im US-Staat Oklahoma gelebt, war dort stets präsent mit seiner Kunst und seinen Kunstaktionen. Inzwischen lebt er bereits längere Zeit in Tennessee. Die Kunst ist für Ronald Anderson wie eine weitere Sprache, mit der er Erlebnisse schafft, Freude stiftet, Erinnerungen hervorholt (nette, wehmütige, aber auch leidvolle) oder Menschen zu Gesprächen, wie auch zum Nachdenken anregt… – – – Ich werde dazu Beispiele in späteren Artikeln besprechen.  Renate Hugel

Hinweis: * Siehe dazu auf HOME  „Anmerkung zu Ronald Anderson“ vom 24. 07. 2015

Anmerkung: Aktueller Stand: Zu Ronald Anderson habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 1“ und „Kunstbegegnungen – 13“ geschrieben.        Renate Hugel