Monthly Archives: März 2015

„Kunstbegegnungen – 14“

Roland Schneeweiss: Dimensionen ausloten

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Roland Schneeweiss (heute wieder: Bulgarien) bei der Arbeit in der Galerie „pro art“, im Jahr 2000 in Bremen, Deutschland

Dimensionen ausloten

 Roland Schneeweiss – in der Mitte von zwei Arbeiten, zwischen denen Welten liegen!

Das war mein spontaner Gedanke, als ich das Foto von damals – aus dem Jahr 2000 – herausgesucht hatte! Und inzwischen habe ich mich dazu entschlossen, genau diese beiden Arbeiten zu besprechen. Auf der linken Seite des Fotos ist der eine Ausschnitt eines Gemäldes von Roland Schneeweiss (R. S.)  zu sehen. Dass es sich dabei um ein Hochformat handelt, bestätigt der Blick auf das Kunstwerk in seiner Gesamtheit (wie auf der folgenden Abbildung ersichtlich ist):

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Roland Schneeweiss:  „Ohne Titel“ – – –  Acryl auf Karton, ca. 60 cm x 80 cm – – – Gearbeitet in der Galerie pro art, Bremen 2000

Zuerst mutet das Gemälde an wie eine abstrakte Komposition, bestimmt von Orange, Gelb und Schwarz. Doch, bei genauem Hinsehen kann das Auge durchaus menschliche Gestalten zum Teil schemenhaft ausmachen: Aus dem vorwiegend senkrecht gesetzten Orange heraus schälen sich weitere Senkrechte in tertiären Dunkeltönen, wie verschmiert und dann wieder hin zum gemischten Schwarz. All diese angedeuteten Personenfragmente in aufrechter Haltung erhalten eine kraftvolle Dynamik durch das satte Orange. Damit vermittelt R. S. dem Betrachter, dass sie auf einem hohen Level von aufgeregter und nach außen gerichteter Energie agieren. Es ist nicht auszumachen, in welcher konkreten Situation diese Personen sich befinden. Ihre Stimmung scheint bestimmt zu sein von einem entschiedenen Willen zur Aktivität – fast so, als ob nichts anderes mehr zählt und auch nicht wahrgenommen wird. Ein Tunnelblick also, der in der Regel den Blick für Wesentliches verstellt. Solch eine Haltung einer abgeschotteten Wahrnehmung verwandelt jegliche Handlung in puren Aktionismus. Dunkle Zwischentöne bis hin zum Schwarz können die Tatkraft der Handelnden kaum bremsen. Dass das nichts Gutes verheißt, zeigt das Gelb des hellen Umfeldes, welches sich eintrübt hin zu kraftlosen Tertiär-Farben. Jeweils im oberen Bereich, flattern über den angedeuteten Köpfen auf der linken Bildhälfte, wie auch auf der rechten Seite des Bildes dunkle „Seelenvögel“ durchs Bild…

Mein Blick fällt nun auf eine dynamisch gesetzte Pinselspur in Weiß (aus dem Orange der linken Bildseite kommend, hin zur Bildmitte  am unteren Rand), was den Gestalten den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint. Und ich gewinne spontan den Eindruck, als ob das Bild nur ein kurzer „Flash“ ist, um dann wieder zu verschwinden! – Ein Gedankenflash?…

R. S. unterstreicht seine Aussage durch eine expressive Malweise, welche in dieser Form (ohne spontan gesetzte Linienführung beispielsweise) höchst untypisch für ihn ist.

Ich wende mich nun der rechten Seite des Fotos zu, wo ein weiteres Bild von R. S. im Ausschnitt zu sehen ist, das genauso untypisch für Roland Schneeweiss ist:

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Dieser Fotoausschnitt zeigt Roland Schneeweiss mit dem Bildausschnitt, das sich auf der rechten Seite des Fotos befindet. Ein vollständiges Foto dieses Bildes habe ich leider nicht.

Wenn man sich dieses Gemälde in Gedanken nach rechts außen – über den Foto-Rand hinaus –  ergänzt, erkennt man ein Querformat. Solch eine gedankliche Ergänzung ist deshalb möglich, da es gleich einer formalen Studie ein ersichtliches Gestaltungsprinzip vorweist: Das Gemälde wird bestimmt von vorwiegend parallel verlaufenden Farbspuren in horizontaler Richtung.  Die Farbabstufungen bewegen sich hauptsächlich im sekundären und tertiären Farbspektrum zwischen Grün, Blau, Gelb. Die unterschiedlichen Nuancen und Helligkeitsgrade bleiben jedoch im abgedunkelten Spektrum… Eine Dynamik, wie wir sie beim Betrachten des ersten Bildes (im Hochformat) erleben, ist bei diesem Bild nicht zu spüren. Im Gegensatz zu dem Bild in Orange (mit seiner expressiven Farbgebung in dynamischer Setzung) erscheint mir diese Pinselführung als eine meditative (unterstützt von den Farben, ‚die sich verkriechen wollen‘). Damit führt uns dieses experimentell anmutende Bild nach innen. Und deshalb sehe ich darin einen Kontrapunkt zu dem ersten Gemälde.

Es ist, als ob R. S. in diesen beiden Gemälden die Dimensionen ausgelotet hat, einerseits von Malweisen, wie auch von gegensätzlichen menschlichen Verhaltensarten, der Realität zu begegnen … In jedem Fall sind diese Endpunkte (von ‚total nach außen gewandt‘, bzw. ‚total nach innen gewandt‘) Extreme. Ein dauerhafter Aufenthalt (von menschlichem Verhalten) an diesen Endpunkten könnte zu Fehlverhalten (nach außen hin) bzw. zu Krankheit (nach innen hin) führen. – Eine Aussage, welche einen Anstoß für Interpretationen in verschiedenste Richtungen gibt!

Ich möchte abschließend auf eine Arbeit von Roland Schneeweiss eingehen, die seiner ihm typischen Herangehensweise an künstlerisches Gestalten entspricht:

Es handelt sich um das Werk „Sonate“, das R. S. bereits 1995 gearbeitet hatte. Der Titel „Sonate“ hat bei mir zunächst die Frage aufgeworfen: Handelt es sich um eine bildlich nachempfundene Bewegung von Musik mit ihren Farbklängen? Doch, der Blick auf das Bild zeigt eine weibliche Person im Portrait – im Prinzip dargestellt durch Linien. Es sind die Linien, die typisch sind für die Gestaltungsweise von R. S. Im Folgenden möchte ich nun auf die Aussage dieser Arbeit eingehen:

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Roland Schneeweiss:  „Sonate“ – – – Pastellzeichnung auf Karton, 1995 – – – Präsentation dieser Arbeit in der damaligen Galerie „Psocho“, New York City, USA – – – Seit 1996: Privatbesitz (in ROW, Deutschland)

Typisch für Roland Schneeweiss sind dynamisch gesetzte expressive Linien, gesetzt mit einer  präzisen Vorstellung bei gleichzeitig hoher innerer Präsenz. Wenn man das weiß, empfindet man umso intensiver, mit welcher Zurückhaltung und Sensibilität R. S. die Linien gesetzt hat, welche die Hörende bilden. Diese wird getragen von Schwingungen und Rhythmus, wie an der Linienführung zu erkennen ist. In ihrer Körperhaltung lässt sich eine Spannkraft ablesen, die sich ganz dem Prozess des Hörens widmet: Die innere Spannung konzentriert sich auf ‚Hören‘. Selbst die Schallwellen, welche im Gehirn zu Tönen realisiert werden, hat R. S. dargestellt. Während die Hörende ganz eins wird mit dem Hörerlebnis, geht ihre Energie zwar nach innen, ihre nach außen gerichtete Energie hat sie jedoch nicht erschlaffen lassen. Dass sie trotzdem im Besitz ihrer gesamten Spannkraft geblieben ist, deutet R. S. mit den energiegeladenen Gestensetzungen an, die  rechts neben der Person zu sehen sind. Dort befindet sich die aktive Seite ihrer Energie quasi in der ‚Warteschleife‘. – – – Wir sehen also eine Person, die ihre persönliche Energie in situationsgerechter Weise souverän nach außen, wie auch nach innen zu richten beherrscht. Für mich zeigen die beiden oben beschriebenen Bilder damit in besonderer Weise, dass extreme Verhaltensweisen (seien sie nach innen oder nach außen gerichtet) sich außerhalb der eigentlichen Persönlichkeit befinden: Die Struktur, die eine Person ausmacht, scheint verschwunden zu sein (daher die fehlenden Linien)…

Offenbar ist es das Verdienst von Kunst, Energien nach innen, wie auch nach außen miteinander in Einklang zu bringen und dabei eine bestimmte ‚Architektur von Linien‘ auszubilden. Im Falle der dargestellten Person handelt es sich um eine Rezipientin auf dem Gebiet der Musik. Noch dichter an ‚der Quelle‘ sind allerdings die Kunstschaffenden selbst. Die Musik ist in dem Zusammenhang lediglich ein Beispiel für alle anderen Richtungen der Kunst.

Die „Sonate“ ist ein wunderbares Werk, getragen von der  unmittelbaren Ausdrucksweise, den „Linien“, wie sie für Roland Schneeweiss typisch sind…

Interpretation: Renate Hugel

Zur Person von Roland Schneeweiss:  Roland Schneeweiss, Jahrgang 1935, hat an der Kunstakademie von Sofia studiert. Im Jahr 1965 schloss er sein Studium mit Auszeichnung als Diplom Grafiker und Illustrator ab. Weitere Details zu seinem Werdegang habe ich am Ende meiner Interpretationen I + II unter „Kunstbegegnungen – 8“ aufgeführt.                                         Renate Hugel

Anmerkung: Aktueller Stand: Zu Roland Schneeweiss habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 8“ und „Kunstbegegnungen – 14“ geschrieben.       Renate Hugel