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„Kunstbegegnungen – 17“

Renate Hugel: Der gläserne Raum

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„Der gläserne Raum“  von Renate Hugel – – – aus der Serie „Faltenwürfe“, Mischtechnik und Collage mit verschiedensten Papieren, „Malen mit Papier“ – – – 70 cm x 100 cm, 2000 + 2008, Bremen (Deutschland)

Der gläserne Raum

 In Vorbereitung auf dieses Symposium hatte ich im Laufe der Zeit Papiere aller Art zusammengetragen und gesammelt: Seidenpapier, Transparentpapier, Packpapier u. a., aber auch Verpackungsmaterial aus Plastik oder Verbandsmaterial… Zusätzlich hatte ich einen Eimer Tapetenkleister bereitgestellt…

Das vorliegende Bild hat die Ausmaße 70 x 100 cm und trägt in sich die Energie eines langen Arbeitsprozesses. Doch zunächst beschreibe ich das real Sichtbare:

Beim Blick auf das Bild „Der gläserne Raum“ fallen dem Betrachter zunächst die vielen Einzelteile in ihrem Zusammengefügt Sein auf. Gleichzeitig bestimmt eine gewisse Transparenz die Bildfläche, obwohl nicht alle Bildteile so durchscheinend sind. Durch den so entstandenen Wechsel von „licht“ und „kompakt“ erhält das Bild das „vor“ und „dahinter“ einer räumlichen Wirkung. Im unteren Viertel der Bildfläche (von der senkrechten Mittelachse aus etwas nach rechts verschoben) ist der Hinterkopf einer in „blau“ getauchten Person zu erkennen. Diese schaut auf ein „Gestirn“ im Dahinter, sitzt dort meditierend in ihrem Zentriert Sein im eigenen Raum…

Rechts und links von dieser fast feinstofflichen Komposition gibt es jeweils eine Begrenzung. Rechts bilden die Farben grau, blau und grau-braun die Stirnseite einer Mauer, die sich zur Tiefe des Raumes hin offenbar fortsetzt. Allerdings werden an einer Stelle die statischen Gesetze „aufgehoben“: Ein weißer Streifen unten rechts „führt“ von innen nach außen – und umgekehrt, gleich einer kleinen Lücke. Auf der linken Seite erkennt man eine Art „Wassergraben“, der senkrecht von unten nach oben verläuft. Am unteren Grabenverlauf befindet sich eine beigefarbene Fläche, auf der sich fünf Blätter befinden. – Zwischen diesen beiden Begrenzungen (zur linken wie auch zur rechten Seite) breitet sich der Bildraum aus. Dieser wird vorwiegend bestimmt von zahlreichen Weißtönen zwischen matt und glitzernd, von zarten Blautönen, wie z. B. auch von einem aprikosen-farbigem Hauch mit Schattierungen – in Kreisform. Teilweise scheinen die Eigenfarben der verwendeten Papiere durch die aufgetragenen Farben hindurch. Die am kräftigsten wirkende Farbe ist das Orange mit seinen sowohl dunklen als auch hellen Schattierungen. Diese Farbe bedeckt das Stück eines Verbandes, welcher über dem blauen Kopf platziert worden ist. Auch fällt noch ein gestisch gesetztes eierschalenfarbenes Gebilde auf, das sich oberhalb des in Gelbtönen gehaltenen Bildzentrums befindet. Und genau rechts von diesem eierschalenfarbigen Gebilde blitzt das Glänzen eines Puzzleteils aus Plastikfolie auf.

All diese Elemente der durch Aufkleben zusammengefügten Bildteile sind die Elemente des „gläsernen Raumes“. Der erscheint wie etwas Zerbrechliches, das sich in einem Schwebezustand befindet. „Einen Halt finden“ erscheint somit verbunden mit dem Beachten der Gesetze, die etwas in der Balance lassen – nach jeder inneren Handlung…

Ich gehe nun darauf ein, wie mein Bild entstanden ist, und was es aussagt:

Wie ich in „Kunstbegegnungen – 9“ aufgezeigt hatte, kamen meine Bilder damals spontan aus der Tiefe und spiegelten im Ergebnis mein „Inneres“. Es waren daher „schnelle, aber kleinformatige Bilder“ – aber eben sehr intensive! Diesen Malvorgang, der mich in den neunziger Jahren „zu mir selbst geführt hatte“, erlebte ich nach all den Jahren zwar immer noch als intensiv, und doch wollte ich mich verändern. Mit dem oben beschriebenen Material, so meine Vermutung, könnte ich Hürden bilden, die eine Verlangsamung erzeugen würden. So war es auch. Und doch stand ich vor einer Herausforderung, weil ich beispielsweise auch größer werden wollte mit meinen Formaten!

Die Arbeit „Der gläserne Raum“ ist ein Beispiel dafür. Meine Gestaltungsbemühungen galten meinem Ziel, ein energiegeladenes und präsentes abstraktes Ergebnis zu verwirklichen. Tatsächlich aber waren sie (meine Bemühungen) quasi der Versuch, aus einem „Scherbenhaufen“ (siehe: „Kunstbegegnungen – 9“) einen neuen „Wohnraum für mein Ich“ zu formen und zu gestalten. Diese Tatsache war mir aber zunächst nicht bewusst, denn ich hatte mein Gespür dafür „überlagert“ mit meinen „mir selbst gesetzten, anspruchsvollen Zielen“! Und so war ich an vielen Tagen über Stunden damit beschäftigt, ein Gleichgewicht auf meinem Bild herzustellen. Dabei lag mein Hauptaugenmerk darauf, vor allem auf Feinheiten zu achten. Feinheiten, die einem Außenstehenden wahrscheinlich als unwichtig oder irrelevant erschienen wären. Für mich lag der Sinn darin, mir einerseits die Transparenz des Bildes zu erhalten, andererseits mit meiner minimalistischen Vorgehensweise meiner Vorstellung eines „perfekten Bildes“ näherzukommen. – – – Dieses Ziel verfolgte ich „zielstrebig“, aber im Laufe der Zeit eher „verzweifelt“! Scheinbar schien es unerreichbar für mich zu sein, meine unkonkrete Vorstellung zu realisieren. Und das machte mich schließlich ungeduldig! – – –  Aus heutiger Sicht hatte ich durchaus das Immaterielle dieser meiner damaligen Sphäre „eingefangen“, wie bei einem Blick auf ein Zwischenergebnis des Bildes im Jahre 2000 (Foto unten) zu sehen ist:

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„Der gläserne Raum“ – Zwischenergebnis –  von Renate Hugel – – – aus der Serie „Faltenwürfe“, Mischtechnik und Collage mit verschiedensten Papieren, „Malen mit Papier“ – – – 70 cm x 100 cm, Zustand aus dem Jahr 2000, Bremen (Deutschland)

Dass eine Entwicklung sich nicht erzwingen lässt, wurde mir schließlich „gezeigt“: Immer verkrampfter war ich geworden bei meinem Bemühen, einen künstlerischem Ausdruck zu erzielen. Dabei war ich auf der Suche nach dem Signal, das mir sagt „das Bild ist fertig“!

Plötzlich griff ich unvermittelt auf meinen Arbeitstisch.

Dort hatte ich aufgesammelte silbern und lilafarben glitzernde Blätter zusammengetragen, die draußen vor der Galerie pro art in Massen auf dem Boden gelegen hatten: Diese faszinierenden „Taler“ waren die Samenträger des Silberblattes (Lunaria annua). Sie hatten mich „angesprochen“ in ihrer Zartheit und Transparenz… In der Hand hielt ich die aus dem Augenblick heraus ergriffenen Blätter (es waren sechs) und legte sie auf meine Collage, die mich so intensiv „forderte“. Ich schob die Blätter in eine spontan gewählte Anordnung und fixierte sie dann mit Kleister… – „Es“ hatte in mir gehandelt!

Nach dieser Aktion fand ich das Ergebnis doch nicht so passend für mein Bild. Meinem Empfinden nach störte diese Blatt-Collage meine beabsichtigte künstlerische Gestaltung. Ich mochte die Blätter jedoch nicht mehr entfernen: Mein Griff zu ihnen war so unvermittelt aus einer enormen Tiefe aus mir herausgekommen, was mir intuitiv  Respekt eingeflößt hatte! Erst sehr viel später hatte ich diese „Botschaft“ verstanden: „Es muss wachsen in seiner Zeit“…

Und so kam der Faktor „Zeit“ ins Spiel: Das Wachsen und Reifen in der eigenen Zeit, dem persönlichen Tempo…

Mein Blick wechselt nun zur meditierenden Person, die einen Zustand spiegelt, in dem ich inzwischen „eingestimmt“ worden war. Früher hatte ich solch ein „Zur-Ruhe-Kommen“ oder „Zentriert-Sein“ überhaupt nicht gekannt. Darum habe ich hier einmal zwei meiner Arbeiten zusammengestellt: Links befindet sich meine Arbeit „Unterwegs“. Sie zeigt ein „rastloses Etwas“ mit haltlos herumflatternden Linien, die ihr Zusammenspiel verloren hatten! (Siehe dazu „Kunstbegegnungen – 9“) Dass ich inzwischen diesen Zustand bereits verlassen hatte, zeigt der Bildausschnitt von „Der gläserne Raum“ auf der rechten Seite:  Dort ruhe ich nun in mir selbst, wie zu sehen. Dazwischen liegt ein langer Prozess, während dem mich meine Kunst begleitet und geführt hatte.

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Renate Hugel: Linkes Bild: Unterwegs“, Aquarellmalstifte, wasser-vermalbar, 10,5 cm x 15 cm, 1991, Rechtes Bild: Ausschnitt von: „Der gläserne Raum“ aus der Serie „Faltenwürfe“, Mischtechnik und Collage mit verschiedensten Papieren / „Malen mit Papier“ – 70 cm x 100 cm Gesamtgröße, 2000, Bremen (Deutschland)

Meine Linien hatten ihr „Zusammenspiel“ verloren – so habe ich es oben formuliert. Wie das jedoch aussieht, wenn solch ein energetisches Zusammenspiel funktioniert in einer Person, kann man erkennen, wenn man das Bild „Sonate“ von Roland Schneeweiss betrachtet (siehe das letzte Bild, das ich in dem Beitrag „Kunstbegegnungen – 14“ besprochen habe.)

Zu dem damaligen Zeitpunkt verharrte ich noch in der Energielosigkeit, hielt mich viele Stunden des Tages in „meinem Raum“ auf und „richtete meinen Blick in die Tiefe“ – abgewandt von dem „Außen“… Denn, irgendetwas in mir war auf „Reset“ gegangen – hin zum „Anfang“! Ich erlebte die Stimmen der Personen, die zu mir sprachen, vorrangig als Träger emotionaler Informationen (Ich hatte gelernt, mich ausschließlich darauf zu konzentrieren, welche rational erfassbaren Informationen eine Aussage hat, und das warnormal“ für mich gewesen). Nun hingegen spürte ich die innere Energie, die einer zu mir sprechenden Stimme zugrunde lag, während ich selbst keine Energie hatte, dem etwas  entgegenzusetzen. Genau das empfand ich als „gläsernen Raum“, in dem ich mich ungeschützt fühlte. Es war nämlich nicht so, dass ich selbst für die anderen gläsern oder durchschaubar geworden wäre. Nein, ich war eher verschlossen unter meiner „Schutzfolie“. Denn die bei mir ankommenden inneren Haltungen gingen durch mich hindurch, weil meine eigene innere Haltung eine kraftlose war. Mein Ich war nicht imstande gewesen zu kontern. Diese durch meinen Zustand erzeugte „Kommunikationslücke“ musste ich auszuhalten, auch wenn ich es als schmerzhaft empfunden hatte. Von Kraftlosigkeit wie gelähmt griff ich zu den im Bild dargestellten Strategien, diesem Gefühl zu entkommen: Dazu gehörte einerseits jene Wand (rechte Bildseite) und andererseits der Wassergraben (linke Bildseite). Mit diesen Grenzen hatte ich mich für den Notfall gerüstet…

Die „normale“ Kommunikationsebene von heute ist das Sprechen auf Verstandesebene – und diese hatte ich aufgrund der „Ereignisse in mir“ verlassen. Dort, wo ich mich inzwischen aufhielt (zu dieser Zeit), war ich im Sein und in der Gegenwart. Allerdings besaß ich – in diesem meinen Zustand – jedoch nicht die Freiheit, diese Ebene wieder zu verlassen. Diese „Freiheit“ musste ich mir hart erarbeiten. Glücklicherweise hatte ich jedoch zwei tolle Helfer, die mich auf diesem langen steinigen Weg begleitet hatten: Meine Kunst und die Zeit (das „Wachsen lassen im eigenen Tempo“)…

Am Ende unseres Symposiums hatte ich dieses Bild wohl innerhalb unserer Gruppenausstellung präsentiert, es jedoch nicht als „fertig“ oder „abgeschlossen“ empfunden. Darum hatte ich es in den darauffolgenden Jahren immer mal wieder (in längeren Zeitabständen) hervorgeholt und davor „meditiert“…

Irgendwann im Jahr 2008 passierte es dann:

Ich hatte gemalt, während ich in Sichtweite das Bild „Der gläserne Raum“ aufgestellt hatte. Zwischen meinen ausgebreiteten Malutensilien befand sich auch ein kleines Paket, dessen Inhalt eierschalenfarbenes Pulver war. Dabei handelte es sich um eine Wandfarbe mit hohem Kreideanteil aus den 1950iger Jahren, die bereits seit langem nicht mehr produziert worden war. Ich mochte diese alte Farbe zum Anrühren mit ihrer Mattheit und dem angenehm warmen Ton von Weiß. In dieser meiner Stimmung erhielt ich urplötzlich einen Impuls und setzte diesen (meinen Pinselstrich) spontan ins Bild. Dort, wo jenes Feld zu sehen ist, das vorwiegend in Gelbtönen gehalten wurde – und wo auf dem blauen kurzen Streifen das sechste Silberblatt klebt, genau dort über diesem Gelb und Blau hatte ich meine gestische Setzung platziert. Auf dem Bild befindet sich seitdem diese Silhouette einer energiegeladenen und in sich zentrierten Person im Hier und Jetzt unserer Realität – mit ihrem „Sein in der Präsenz“. Sie (die eierschalenfarbige Silhouette) ist damit eine Markierung dafür, wo ich inzwischen angekommen war – und, dass ich nun die nötige Energie hatte, (an „guten Tagen“) Impulse spontan umzusetzen.

Für den Betrachter hingegen ist diese „Person im Hier und Jetzt“ ein Anknüpfungspunkt: Der eigene innere Realitätsbezug und die eigene Kraft mag er (der Betrachter) in dieser gestischen Silhouette als Spiegel seines Selbst empfinden. Und von diesem ihm vertrauten Standpunkt aus kann er den Wegen in den „gläsernen Raum“ möglicherweise nachspürend folgen. Diese Wege bewegen sich hin zu den verschiedenen Ebenen des Bildes, wie auch des Geschehens:

Realität im Hier und Jetzt (diese eierschalenfarbene Silhouette) – (1. Ebene), Das fragile Gebilde des „gläsernen Raumes“ (2. Ebene), Die uns eigene Zeit in der eigenen Langsamkeit (die Taler des Silberblattes) (3. Ebene), Meditativer Blick in die Tiefe (die in blau getauchte Person) (4. Ebene), Ausblick auf die Lücke zu der Welt „dahinter“ (ich sprach oben von „meinem Blick auf das eigene Gestirn“) – (5. Ebene) – Und über allem liegt die Stille solch eines Prozesses, der sich weit abseits des Lärms dieser Welt vollzieht (6. Ebene)!                                                                               Renate Hugel

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Renate Hugel habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 9“ und „Kunstbegegnungen – 17“ geschrieben. Zusätzlich gibt es eine Erwähnung unter „Kunstbegegnungen – 16“ (dem Beitrag zur Gemeinschaftsarbeit „Blockbilder“).

Anmerkung 2: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann  zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“.

                                                                                                                                      Renate Hugel