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„Kunstbegegnungen – 18“

 Jereldine Redcorn: „Die fühlende Hand”

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Jereldine Redcorn:

 Linkes Foto: „Die fühlende Hand” von Jereldine Redcorn, gemalt auf einem Holzblock (siehe dazu: „Blockbilder als Ort von Begegnung“ unter „Kunstbegegnungen – 16“Rechtes Foto: Jereldine Redcorn ertastet den Ton in ihrer fühlenden Hand.

Die fühlende Hand

 Für diesen Beitrag habe ich zwei Fotos zusammengestellt. Zunächst möchte ich auf das linke Foto zu sprechen kommen, das ein Ausschnitt des Blockbildes ist, das ich bereits besprochen hatte unter „Kunstbegegnungen – 16“ (dem Beitrag, in dem es um die Gemeinschaftsarbeiten geht, gearbeitet auf Holzblöcken, den sog. „Blockbildern“). Der von mir gewählte Ausschnitt zeigt „Die fühlende Hand“ von Jereldine Redcorn (JR).

Diese Hand befindet sich auf einer der breiten Holzblockflächen oben links, wie auf der Gesamtansicht zu sehen (siehe: „Kunstbegegnungen – 16“). Dort hat JR zunächst einen weißen Untergrund gearbeitet, auf dem sich die Hand dann gut von der Holz-farbigen Umgebung abhebt in ihrer rotbraunen Farbgebung. Über dieser stehen grafische Setzungen in blau-schwarz. Der blau-schwarze Pinselstrich wurde spontan und präzise gesetzt, will allerdings nicht ins Detail gehen.  Und doch empfindet der Betrachter etwas Tastendes und Sensibles! – So hatte ich es sinngemäß in meiner Kurzinterpretation unter „Kunstbegegnungen – 16“ beschrieben.

Auffällig ist auch, wie JR die Position ihrer Hand gewählt hatte: Zwei parallel verlaufende Linien, die mit Bleistift gezogen worden waren (als das Stück Holz noch einer anderen Funktion zugedacht war), jene Linien hat JR als Grundlinie für ihre Hand-Darstellung gewählt. „Sie scheinen der tastenden Hand Halt zu geben: Sensibles Fühlen und Empfinden gehen eine Verbindung ein mit planvollem Handeln des Verstandes…“, so hatte ich in „Ku-be Nr. 16“ geschrieben.

Beides, Gefühl und Verstand, sind JR wichtig bei ihrer Arbeit. Das ist ein Aspekt, über den ich im Folgenden schreiben werde.

Zunächst habe ich mir Gedanken über die Hand an sich gemacht:

Wenn wir von „Fingerspitzengefühl“ sprechen, meinen wir, dass wir besonders achtsam und sensibel handeln (auch im übertragenen Sinne). Tatsächlich befindet sich auf der Haut der Fingerspitzen eine besonders hohe Anzahl von Rezeptoren, welche die Empfindungen zum Gehirn leiten. Diese enorm hohe Dichte der Rezeptoren ermöglicht es unseren Fingerspitzen erst, so sensibel und fein abgestimmt zu fühlen.

Jereldine Redcorn hat die Hand einer Person gemeint, die um Konzentration und Achtsamkeit bemüht ist. Dieses erkenne ich an der bewussten Haltung von Anspannung der  Finger. Somit zeigt JR die Hand einer Person, die  bewusst etwas erfassen will durch die Berührung…

Welche Bedeutung das Fühlen der Hand zusammen mit ihren Fingerspitzen hat, wird erst deutlich, wenn wir uns vergegenwärtigen, welchen Prozess diese „haptische Wahrnehmung“ zu Beginn des menschlichen Lebens einleitet: Das Kleinkind beginnt seine Bewusstwerdung, indem es seine Umgebung „begreift“. Alle Dinge der unmittelbaren Umgebung wollen angefasst und sozusagen von der Haut abgescannt werden. Die Rezeptoren leiten die gewonnenen Informationen an das Gehirn weiter. Dieses kann dadurch Orientierungsmarken der äußeren Realität setzen und somit ein Abbild dieser Realität im Gehirn etablieren. Formen, Ausmaße, wie auch Ausdehnungen in den Raum hinein, all das will erst einmal „begriffen“ werden. Dieser Lernprozess verfeinert sich immer weiter. Beispielsweise bis hin zu den Eigenschaften von Materie: Wie kalt oder heiß, fest oder weich etwas ist, das wissen wir nur, weil wir es uns irgendwann einmal ertastet hatten…

Die Hand hat also von Natur aus eine enge Verbindung mit der Bewusstwerdung! Genau diese Aussage erkenne ich in der Handdarstellung von JR, zusammen mit der von ihr gewählten Position der Hand auf den parallelen Linien.

Ich wende mich nun dem Foto zu, das oben auf der rechten Seite zu sehen ist. Es zeigt Jereldine Redcorn im Jahr 2000 in der Galerie „pro art“ in Bremen (Deutschland). JR hat die Arbeit an den keramischen Gefäßen abgeschlossen und überlässt sie nun dem Trocknungsprozess. Diese Phase hatte sie eingeplant und möchte nun etwas Neues ausprobieren (siehe dazu „Kunstbegegnungen – 10“). In ihren Händen hält sie ein Stück Ton, das sie zu etwas formen möchte. Sie befindet sich im Zustand einer Verinnerlichung: Ihr Fühlen und Wollen ist dabei, eins zu werden und im Ton seinen entsprechenden Ausdruck zu finden.

Ton, der wie hier gewässert und geschmeidig gemacht worden ist, solch ein Ton folgt jedem Druck, der auf ihn ausgeübt wird – auch nur dem kleinsten. Das von mir beschriebene sensible Vorgehen von JR hinterlässt andere Spuren im Ton, als ein kraftvolles Agieren! Ein Betrachter ist in der Lage, aus den Spuren im Ton die Art der Herangehensweise abzulesen, wenn er, der Betrachter, ähnliche eigenen Erfahrungen einmal hat machen können.

Das Wahrnehmen auch feinster Spuren im Ton in Verbindung mit feinsten Tasterfahrungen des Betrachters eröffnet ganzheitliche Einblicke in den Entstehungsprozess: Grundhaltungen und -stimmungen lassen sich auch dann ablesen, wenn der hinterlassene Abdruck sehr fein und gefühlvoll gesetzt worden war. Das erscheint selbstverständlich, denn das Fühlen mit der Haut verbindet sich auch mit den Gefühlen!

Die Hand konserviert also, mit welcher Stimmung (Emotion), aber auch mit welcher Absicht (Wollen, Verstand) ein Gegenstand einst gefertigt worden ist.

Diese Tatsache ist es, die Jereldine Redcorn einst auf die Spur ihrer Ahnen, der Vorfahren ihres gesamten Caddo-Stammes, geführt hatte:

1991 hatte JR, Mathematiklehrerin, „das ‚Museum of the Red River‘ in Idabel, Oklahoma, besucht. Dort waren hunderte von archäologischen Funden zu sehen, Ton – Gefäße der Caddo – Ureinwohner Amerikas, also ihrer Vorfahren“ (Zitat aus „Kunstbegegnungen – 8“, Interpretation II). Beim Betrachten der Keramik-Arbeiten ihrer Vorfahren, überfiel sie urplötzlich eine große Traurigkeit. Die Jahrhunderte alten Arbeitsspuren hatten „zu ihr gesprochen“

Mit dieser merkwürdigen Formulierung meine ich genau das, was ich unter der „Fühlenden Hand“ herausgearbeitet hatte! Im Ton waren dereinst Spuren hinterlassen worden, die verstanden werden, weil der Tastsinn die Informationen (emotionale, wie auch intellektuelle) „aufgrund eigener Tast-Erfahrungen nachvollziehen“ kann! Und so kam es zu dieser starken emotionalen Begegnung, die für JR zur Initialzündung wurde…

Genau in diesem Moment hatte JR beschlossen, die Keramiken ihrer Vorfahren nachzuarbeiten, um sie „wiederzubeleben“. Ihr ging es dabei darum, dem einstigen Lebensgefühl ihrer Vorfahren zu begegnen durch hingebungsvolles Nacharbeiten der historischen Caddo-Keramiken. Die Erfahrungen der Hand – damals wie heute – sind dabei das Bindeglied, das solch eine Annäherung und Begegnung über Jahrhunderte hinweg ermöglicht!

Diese ihre Arbeit war für JR also in erster Linie eine innere Begegnung mit dem Fühlen, Wollen und Leben ihrer Vorfahren.

Darauf möchte ich nun genauer eingehen:

Wer ein kugelförmiges Gefäß formen will, steht vor einem diffizilen Vorhaben: Körper und Geist müssen Wollen und ihre innere Vorstellung koordinieren. Nur so gelingt es, der Materie die gewünschte Gestalt zu geben: Kugelförmige Gestaltung, Hohl-Sein, sowie Erstellen einer Wandung von gleichmäßiger Stärke. Wer das einmal probiert hat kann bestätigen: Es gelingt uns nur bei größter Achtsamkeit für jede unserer Bewegungen von Arm, Hand und, oder Fingern (hängt z. B. von der Größe des Gefäßes ab). Und diese, unsere Achtsamkeit, ist gefordert zu registrieren, wo die Kraft unserer Muskeln verringert oder verstärkt werden muss, um die Materie mit der eigenen Vorstellung in Einklang zu bringen. Diese ständige innere Präsenz fordert unsere gesamte Gedankenkraft, wie auch unser inneres Eingestimmt-Sein auf unsere Tätigkeit – und damit den Menschen in seiner Gesamtheit. Nur mit dieser „Hingabe“ ist es uns möglich, über Stunden in jeder Sekunde  unsere Achtsamkeit aufrechtzuerhalten. Dafür benötigt „Mensch“ auch einen inneren Anlass dafür, diese Mühen auf sich zu nehmen.

Einige „Anlässe“ hierfür habe ich einmal „gedanklich durchgespielt“:

– Die amerikanischen Ureinwohner (hier die Caddo Menschen) hatten den festen Willen und Entschluss gefasst, Gefäße für den täglichen Gebrauch und / oder für kultische Handlungen zu erstellen.

– Menschen heute könnten z. B. beschlossen haben, sich auf ein ruhiges Tun zu reduzieren, um innerlich zur Ruhe zu kommen.

– Ein zeitgenössischer Künstler könnte die Absicht haben, den Betrachtern seiner Kunst ein bestimmtes Gefühl oder eine bestimmte Sichtweise anzubieten, um ihn (den Betrachter) zu seinen Gedanken zu führen und / oder ihn (den Betrachter) zu berühren mit seiner „Philosophie“.

Eine eigene Philosophie sehe ich durchaus in der Tätigkeit von Jereldine  Redcorn verwirklicht, wenn sie keramische Gefäße vorbildgetreu „auferstehen lässt“, deren Arbeitsspuren dann davon erzählen, wie JR ihnen ihre eigene Lebenszeit gewidmet hat, um das vergangene Leben ihrer Vorfahren präsent werden zu lassen…

Created with Nokia Smart Cam

Jereldine Redcorn:  Kugelförmiges Gefäß mit Einritzungen,  Keramik, 2000

JR hat im Laufe der Zeit sehr viele keramische Gefäße nach historischem Vorbild gearbeitet (siehe: www.redcornpottery.com). Am Beispiel des Fotos oben möchte ich die Umsetzung ihrer Philosophie (wie oben kurz angedeutet) einmal beschreiben:

Das kugelförmige Gefäß auf dem Foto oben  hat Jereldine Redcorn im Jahr 2000 auf unserem Symposium gefertigt. Die vollkommene Form der Kugel ist auf dem Foto gut zu erkennen. Die Ebenmäßigkeit der inneren Wandung ist nur am Objekt zu erspüren, wird vom Betrachter allerdings als sicher angenommen aufgrund der Perfektion des Sichtbaren. Zu den rational erfassbaren Details gehört auch die Zeichnung, erstellt durch Einritzung. Wir kennen ihre Bedeutung nicht mehr, dennoch zeugen sie von einer Idee.

Zur oben erwähnten Vollkommenheit gehört darüber hinaus die Art der Oberflächengestaltung. Eine solche perfekte Glättung auf einer keramischen Arbeit hinzubekommen, das gelingt nur bei hoher Konzentration und innerer Hingabe an das eigene Tun. Ich stelle mir vor, dass JR sich während ihres Gestaltungsprozesses total mit ihren Vorfahren identifiziert hat. Sicherlich war es erforderlich für sie, sich einen zeitlichen Freiraum dafür zu schaffen. Wie gelang das bei den Caddo-Menschen der Vergangenheit?

Wer so viel Zeit und Hingabe investieren kann, hat die Sorge für das tägliche Leben gut organisiert – persönlich, wie auch in der Gruppe. Aber auch die Stimmung unter den Menschen muss eine friedliche gewesen sein. Nur so entsteht ein innerer Freiraum, ein Sich-Ausdrücken in der Vollendung seines Tuns…

In der Tat gelten die Caddo-Menschen als friedlich in einer zivilisierten Gemeinschaft, bereits geprägt von Arbeitsteilung. Eine friedliche Grundstimmung in einer intakten Gemeinschaft bereitet den Weg zu einer künstlerisch eingestimmten Persönlichkeit, geprägt von Kreativität.

Jereldine Redcorn hat mit dem Tun ihrer Hände eine innere Verbindung aufgenommen zur Lebens- und Gefühlssituation ihrer Vorfahren. Der Tastsinn ihrer Hände hat sie in die Vergangenheit und zu ihren Ahnen geführt. Damit gibt sie ihnen Präsenz im eigenen Leben, wie auch im Leben aller heutigen Caddo-Menschen…                                                                                                                              Renate Hugel

Der Vollständigkeit halber möchte ich an dieser Stelle noch Folgendes hinzufügen:

Etwas, das nicht auf diesem Wege (durch die fühlende Hand) nachvollzogen werden konnte, war die abschließende Gestaltung der geglätteten Oberflächen durch den Brand. (Einen kurzen Einblick in den Brennvorgang konnte ich in „Kunstbegegnungen – 2“ geben). Tatsächlich war es Jereldine Redcorn‘s Ehemann, der sich diesem Problem gewidmet hatte. Während langer Versuchsreihen gelang es, u. a. durch Versuch und Irrtum eine Übereinstimmung der gebrannten Oberflächen mit dem historischen Original hinzubekommen.                                                                                             Renate Hugel

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Jereldine Redcorn habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 2“, „Kunstbegegnungen – 10“  und „Kunstbegegnungen – 18“ geschrieben. Zusätzlich gibt es eine Erwähnung unter „Kunstbegegnungen – 16“ (dem Beitrag zur Gemeinschaftsarbeit „Blockbilder“).

Anmerkung 2: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann  zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“.                                                                                                                                                          Renate Hugel