„Kunstbegegnungen – 22“

– Renate Hugel –

Gesang eines jungen Tages

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„Gesang eines jungen Tages“  von Renate Hugel, aus der Serie „Faltenwürfe“ – – – Mischtechnik und Collage mit verschiedensten Papieren, „Malen mit Papier“ – ca. 38 cm x 48 cm – – – 2000, Bremen (Deutschland)

Gesang eines jungen Tages

Für das Symposium hatte ich mir vorgenommen, mit möglichst verschiedenen Papieren Bilder zu gestalten. Dabei hatte ich nicht zwingend an eine Collage im herkömmlichen Sinne gedacht. Ich wollte versuchen, mit dieser Materialsammlung zu „malen“ – mit der Hilfe von reichlich aufgetragenem „Tapetenkleister“. Dass solch eine Vorgehensweise bedeutet, dass es zu Faltenbildungen der Papiere kommen wird, das war bei meiner geplanten Vorgehensweise unvermeidbar. Darum habe ich diese Faltenbildungen zum Prinzip erhoben und ließ sie Teil der Gestaltung werden. Die beschriebene künstlerische Absicht definierte ich mit dem Begriff „Faltenwürfe“ für meine neue Serie…

Die zusammengetragenen Papiere waren Seidenpapier, Transparentpapier oder Packpapier u. a. – aber auch Verpackungsmaterial aus Plastik oder Verbandsmaterial…

Zu dieser Papiersammlung für meine „Faltenwürfe“ hatte auch das Papier gehört, in welches ursprünglich neue Schuhe verpackt gewesen waren (im Schuhkarton). Dieses sehr dünne Papier besaß die Eigenschaft, sich beim Vermalen mit viel Tapetenkleister aufzuweichen bis zum Zerfall zu matschigen Teilchen. Ich konnte also direkt mit diesem Papierbrei malen. Je nach Beschaffenheit dieser Papiere färbte sich dieser „Brei“ weiß ober auch mokkafarben.

Indem ich mich bei dieser Art zu malen fallen ließ, war ich konzentriert auf mich selbst, wurde Eins mit meinem Tun. Spontan wurde ich während meiner Arbeit an dem oben abgebildeten Werk von einer Energie erfasst, welche mich nun auch Eins werden ließ mit dem Augenblick der Gegenwart! Die gegenwärtige Zeit, die uns allen gehörte in diesem Symposium, integrierte sich in meinen Arbeitsrhythmus, begleitete meinen Arbeitsprozess durch das Kontinuum, welches die Zeit bildet. Diese gemeinsam erlebbaren Schwingungen im Raum erhöhten das Ich-Erleben:

Jede, jeder im Raum war ja ebenso erfüllt mit dem, was jede einzelne Person „antrieb“:

Ich schwebte in einem Raum voller positiver Schwingungen. Denn, jeder „sang sein eigenes Lied“. Und das erzeugte eine Erhöhung aller Konzentration, Hingabe an das eigene Tun, wie auch der Würdigung von Kunst!

Irgendwann hatte ich spontan meine Arbeit für fertig erklärt, hielt inne und blickte auf mein Werk. Der erste Gedanke, der unvermittelt in mir aufkam, war „Gesang eines jungen Tages“…

Warum „Gesang“? – Das war mein zweiter Gedanke.

Ich wusste es nicht, der Gedanke war aus dem Augenblick heraus geboren worden und kam quasi aus dem Bauch heraus!

Zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt war mir aufgefallen, dass sich im Bildzentrum ein von Gelb bestimmtes Gebilde befindet, das an einen Vogelkörper erinnert. Direkt nach dem Malvorgang waren alle Papiere noch nass; minimale Bewegungen passierten dabei auf der Bildoberfläche. Indem ich mir dieses im Nachhinein innerlich vorgestellt hatte, war mir plötzlich, als würde ich das Atmen dieses Vogels an seinem Körper erkennen können, während er den Kopf weggesteckt hatte:

Es ist, als wenn man als Städter den Gesang der Vögel im Garten oder im Park vernimmt, oder aber im Wald, auf der Wiese, in den Auen…

Das „Innere-Türen-Öffnen“ solch eines Vogelgesangs, das war das Gefühl, welches mein Bild in mir hatte hochsteigen lassen. Und augenblicklich hatten sich die Worte in mir etabliert: „Gesang eines jungen Tages“

Ein Öffnen „innerer Türen“ erleben wir in der Musik, wie auch in der bildenden Kunst. Daraus ersteht die Sehnsucht danach, die Künste aktiv zu pflegen, oder sie als Betrachter oder Zuhörer zu erleben.

Unser „Gesang“ während des Symposiums war ein stiller, geräuschloser: nämlich, Kunst erstehen zu lassen…                                                                                                                Renate Hugel

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Renate Hugel habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 9“, „Kunstbegegnungen – 17“  und „Kunstbegegnungen – 22“ geschrieben. Zusätzlich gibt es eine Erwähnung unter „Kunstbegegnungen – 16“ (dem Beitrag zur Gemeinschaftsarbeit „Blockbilder“).

Anmerkung 2: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann  zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“.                                                                                                                                               Renate Hugel

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