„Kunstbegegnungen – 23“

Margaret Hettrick

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Margaret Hettrick: Bild oben:  „Anticipation“

 „Blockbild“

(Gemeinschaftsarbeit nach einer Idee von Heinz Hugel. Siehe dazu „Kunstbegegnungen – 16“)

Der Beitrag von Margaret Hettrick befindet sich oben links: Collage (von ausgeschnittenen Buchstaben) auf Holzblock auf z. T. bemaltem Untergrund; Ausmaße des Blockbildes: Breite: 28, 5 cm, Höhe: ca. 37 cm, Tiefe: 6, 5 cm; 2000, Bremen (Deutschland) – – – Bild unten: Detailansicht

Anticipation…

Auf diesem „Blockbild“ (siehe: Gemeinschaftsarbeiten „Kunstbegegnungen – 16“)  befindet sich der Beitrag von Margaret Hettrick (MH) unter der oberen Abschlusskante auf der linken Seite. Mit einigen wenigen, zumeist gradlinigen Pinselsetzungen hat sie einen Hintergrund für ihre Arbeit geschaffen. Diese verlaufen zum Teil fast parallel von oben nach unten, ändern aber an einigen Stellen ihre Richtung. Farblich bewegen sich diese durchaus dicken Pinselstriche zwischen Brauntönen, warmen Weißtönen und Blau. Entstanden ist eine Fläche, die aus „Nachbarschaften“ von  breiten Bändern besteht. Zunächst erscheinen diese Pinselspuren wie eine Fläche ohne  inneren Zusammenhang. Auch die Farben erhöhen sich nicht gegenseitig zu einem inneren „Schwingen“ – vielmehr erscheinen sie kraft- und freudlos! Die Detailansicht zeigt es: Da sind durchaus menschliche Gestalten zu erkennen. Sie zeigen keine individuellen Züge und scheinen im Chaos zu versinken!

Alles scheint bestimmt zu sein von  Zusammenhanglosigkeit, Vereinzelung und Ziellosigkeit. – Darum meine ich, dass MH hier die äußere wie auch innere Situation symbolisch skizziert hat, wie sie für die amerikanischen Ureinwohner in der Vergangenheit Realität geworden war.

Auf diesen „Hintergrund“ hat MH Buchstaben aufgeklebt. (Wie ich in „Kunstbegegnungen – 6“ ausgeführt hatte, arbeitete MH während des Symposiums mit Motiven, Buchstaben oder auch mit Wörtern. Für ihr Vorhaben hatte sie im Vorfeld Zeitschriften gesammelt. Diese waren zu ihrem Material-Fundus geworden, indem sie alles ausgeschnitten hatte, was ihr für ihre beabsichtigten Themen und Bildideen geeignet erschien.) Auch für ihren Beitrag auf diesem „Blockbild“ hatte sie mit ihrem so zusammengestellten „Material“ gearbeitet. Fast parallel zur oberen Kante des Holzblocks kann man links bei genauem Hinsehen ein Wort erkennen: Es ist der Begriff „Angst“, der da in schwankenden Lettern kaum entzifferbar über allem steht. Somit konfrontiert sie den Betrachter damit, dass „Angst“ „den Boden unter den Füßen wegzieht“…

Unterhalb des Wortes „Angst“ purzeln andere Buchstaben nach unten. Sobald diese Buchstaben wahrgenommen werden, ist der Begriff „Anticipation“ schnell auszumachen…

Wir sehen also einen Hintergrund, der eine Grundstimmung wiedergibt, welche von Angst beherrscht wird. Auch vermittelt MH mit den gewählten Farben, den Farbbändern, in welcher Zusammenhanglosigkeit die amerikanischen Ureinwohner früher sich befunden hatten: Sie wurden ihres gesamten Weltbildes beraubt, durften ihre eigene Sprache nicht mehr sprechen, waren heimatlos und auf der Flucht. Das ist ein Zustand, der Angst bereitet, denn das Ich war damit gebrochen – und alles Vertraute zerschlagen worden! Das bedeutet in der Konsequenz, dass sich auch eine Perspektivlosigkeit einstellt! Sie können der Zukunft nicht mehr positiv gestimmt begegnen und nicht vorausschauend planen – in jeder Hinsicht.

Mit dem Verlust des vorherigen Lebens stellt sich auch der Verlust von Zukunft ein!

Der Körper existiert noch, aber der innere Aufbau der Person war eingerissen worden. Das hatte den Verlust des eigenen Weltbildes zur Folge. Und über diesem ganzen Desaster regiert die Angst das Geschehen, die zu jeder Zeit mögliche Gefahr von außen…

Wo bleiben da die Träume, Pläne für das Morgen, und wo das Hoffen auf ein erfülltes Leben?!

Die Antwort auf diese Frage gibt Margaret Hettrick mit ihrem kleinen Kunstwerk auf dem „Blockbild“. Die Erwartungen an das Morgen und, oder die ferne Zukunft stürzen in sich ein, fallen herab und existieren nicht mehr…

Meine Interpretation  stützt sich dabei auf die englische, bzw. amerikanische Bedeutung von „anticipation“. Wenn ich im Wörterbuch nachschlage, wird dort der Begriff „Erwartung“ genannt. Allerdings wird eine zweite Bedeutung aufgeführt, nämlich das Wort „Vorausberechnung“. Diese zweite Bedeutung kommt der Bedeutung von „Antizipation“ in der deutschen Sprache näher. Inhaltlich sehe ich in der Bedeutung „Erwartung“ (für „anticipation“) die schlüssigere Bedeutung – in Hinblick auf die intendierte Aussage von Margaret Hettrick.

Auf ihrem kleinen Kunstwerk stürzt alle Erwartung an die Zukunft in die Tiefe – ein Absturz, der das „Mensch-Sein“ mitreißt!   

In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf den rostigen Stacheldraht-Rest hinweisen, den Beitrag von Heinz Hugel auf diesem „Blockbild“. Intuitiv hat er damit ein Symbol hinzugefügt, das unmittelbar vor Augen führt, welche grausame Realität für die amerikanischen Ureinwohner wahr geworden war! Somit verstärkt er damit die Aussage von Margaret Hettricks Kunstwerk…  Interpretation: Renate Hugel

Der Vollständigkeit halber erwähne ich noch die Künstler und Künstlerinnen der übrigen Beiträge auf dieser Breitseite des „Blockbildes“:

Rechts neben den Beiträgen von Margaret Hettrick und Heinz Hugel ist ein Beitrag von Jereldine Redcorn zu sehen. Unten links befindet sich ein Beitrag von Kelly Church, rechts daneben der von mir. Auf der oberen Fläche des dicken Holzblocks ist in der Draufsicht das (bereits in „Kunstbegegnungen – 16“ erwähnte) Kunstwerk von Roland Schneeweiss zu sehen.                                               Renate Hugel

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Margaret Hettrick habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 6“  und „Kunstbegegnungen – 23“ geschrieben. Zusätzlich gibt es eine Erwähnung unter „Kunstbegegnungen – 16“ (dem Beitrag zur Gemeinschaftsarbeit „Blockbilder“).

Anmerkung 2: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann  zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“.                                                     Renate Hugel

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