„Kunstbegegnungen – 28“

Ronald Anderson – Künstler amerikanischer Ureinwohner

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Ronald Anderson:  “Stühle – Baum” oder „Muttertag“  – – – Baumskulptur: Baum, Stühle, Befestigungsmaterial – – – Standort des Baumes: Oklahoma (USA)

Der Stühle – Baum

Damals, im Sommer 2000, war in Bremen „An der Schlachte“ (entlang der Weser im Innenstadtbereich) eine Installation zu sehen: Auf jedem der „Dalben“ (baumdicke Anlegerpfosten aus Holz) war ein gelber Stuhl befestigt worden.

Die Reihe der so platzierten Stühle sollte daran erinnern, dass jeder Auswanderer nach Amerika hier – in Europa – einen „Stuhl“ zurückgelassen hatte. Das war eine Kunstaktion, die in Zusammenhang gestanden hatte mit der Eröffnung des Auswanderer-Museums in Bremerhaven.

In einem der Restaurants dort an der Weser, in dem wir manchmal gesessen hatten, war unser Blick oft auf diese Installation gefallen. – – – Den oben beschriebenen inhaltlichen Hintergrund zu „jenen seltsam platzierten Stühlen“ hatten wir für unsere Gäste übersetzt. Ein allgemeines Thema war es bei uns nicht geworden.

Ronald Anderson (R.A.) hatte diese Installation allerdings mehr beschäftigt als wir damals wahrgenommen hatten. – – –  Einige Monate, nachdem R.A. nach Oklahoma zurückgekehrt war, hatten wir einen Brief erhalten, der dieses Foto enthalten hatte:

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Es zeigt die Themen, die er mit nach Hause genommen hatte: Sein Gemälde „Thinking Out“ (siehe „Kunstbegegnungen – 25“) steht ganz unten, darüber gibt es einen Aufbau im Hochformat mit einem „abstrakten Gemälde“ (in den Farben gelb und blau), und ganz oben ragt schließlich ein gelber Stuhl, den R.A. auf einem Holzpfahl befestigt hatte, hinein in das Schwarz des Hintergrundes.

Dabei handelt es sich um das erste Foto zu dem Thema, das Ronald Anderson uns aus Oklahoma geschickt hatte. Im Grunde genommen zeigt es die Verarbeitung seiner Eindrücke aus Bremen (Deutschland).

Entstanden war „ein Spiel mit Erinnerungsstücken“…

Bei diesem Spiel ist es allerdings nicht geblieben. Ronald Anderson hatte sich weiterhin mit dem Thema auseinandergesetzt! Und als uns schließlich das Ergebnis seiner anhaltenden Auseinandersetzung in Form eines weiteren Fotos erreichte, waren die Stühle auf einen Baum umgezogen und hatten die Farbe Rot angenommen. In unmittelbarer Nachbarschaft dazu hatte R.A. eine große indianische Trommel befestigt: Noch sind die Stühle gestapelt, und einer steht deshalb „verkehrt herum“. Ein Verweis auf die Zeit, als die ankommenden Europäer gerade dabei waren, es sich in der „Neuen Welt einzurichten“.

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Mit dem Umzug in die Baumwipfel knüpfe ich an meine Interpretation von „Thinking Out“ (siehe „Kunstbegegnungen – 25“) an. Darin spreche ich von der „Freiheit des Denkens“, die dort oben in den Wipfeln zu spüren ist (womit R.A. sich sehr verstanden gefühlt hatte): Auf dem Gemälde „Thinking Out“ von R.A. war diese Gedankenfreiheit im Eintauchen seines Denkens in sein „indianisches Bewusstsein“ zu verstehen. Diese Baum – Installation von Ronald Anderson zeigt eine bestimmte Phase der Vergangenheit:

Das Denken der Einwanderer ist auf die Bäume gezogen!

Selbstbewusst haben sich die amerikanischen Ureinwohner ebenfalls auf die Bäume begeben und versucht, ihr eigenes Denken zu bewahren oder zu integrieren.

Und, um ihrem Willen zur Selbstbehauptung Ausdruck zu verleihen, haben die amerikanischen Ureinwohner laut ihre Stimme erhoben – symbolisiert durch die Trommel…

Das nächste Foto zeigt, zu welchem Ergebnis der weitere Verlauf der Geschichte geführt hatte:

 Inzwischen war der gesamte Baum von „Stühlen“ bevölkert worden!

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Bild oben: Ronald Anderson kommt dem Betrachter entgegen; seine Baumskulptur ist im Hintergrund zu sehen. – – – Bild unten: Aus einem anderen Blickwinkel und zu anderer Tageszeit ist diese Baumskulptur noch einmal zu sehen.

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Wenn ich bei diesem Anblick meinen Interpretationsansatz (*1)  konsequent zu Ende denke, dann fällt mir dazu folgender Titel  ein: „Der besetzte Baum“… (*1 Siehe meine Ausführungen zur „Freiheit des Denkens“ oben und in „Kunstbegegnungen – 25“)

Vor einiger Zeit jedoch hatte mir Cynthia Adams geschrieben, welches die Vorstellung ihres Onkels Ronald Anderson ist, die er mit seinem Kunstwerk, der Baumskulptur, verbindet: ‚Der Baum, die Erdmutter,  breitet die Arme (Äste) aus und wartet darauf, dass seine, ihre Kinder nach Hause kommen‘. (Sinngemäß wiedergegeben)

 Eine Umwidmung der  Bedeutung des Symbols „Stuhl“ von Ronald Anderson!

Es ist eine anrührende Vorstellung, dass dieses Arrangement ein Symbol für den Wunsch darstellt, im Kreise der eigenen Familie erwartet und empfangen zu werden. Die Erd-Mutter wartet mit ausgestreckten Armen (Ästen) auf alle Familienmitglieder, dabei auf jedem Arm einen Stuhl haltend. Die Vereinigung lässt dem Gefühl der Zusammengehörigkeit seine Kraft entfalten und die eigenen Wurzeln spüren.

Und so ist die Baum – Skulptur „Muttertag“ (*2) das Symbol dafür, endlich ganz bei sich selbst angekommen zu sein – nach einem langen Weg der Identitätssuche…  

                                                   Interpretation: Renate Hugel

(*2) Die Namensgebung „Muttertag“ bezieht sich darauf, dass Ronald Anderson den „Stühle-Baum“ an einem Muttertag fertiggestellt hatte. An das Jahr kann er sich nicht mehr erinnern.

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Ronald Anderson habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 1“, „Kunstbegegnungen – 13“, „Kunstbegegnungen – 19“, „Kunstbegegnungen – 25“ und „Kunstbegegnungen – 28“  geschrieben. Zusätzlich gibt es eine Erwähnung unter „Kunstbegegnungen – 16“ (dem Beitrag zur Gemeinschaftsarbeit „Blockbilder“).

Anmerkung 2: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann  zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“.                                            Renate Hugel

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