Monthly Archives: April 2016

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Ronald Anderson: „Die Auto Skulptur“

  – Künstler amerikanischer Ureinwohner (Oklahoma, USA)

In “Kunstbegegnungen – 34” schreibe ich über die „Auto Skulptur“ von Ronald Anderson als ein Zeugnis des Zusammentreffens von Gegenwart und Vergangenheit und seiner Auswirkungen auf die Identitätsfindung amerikanischer Ureinwohner.

 Zu finden unter „Kunstbegegnungen“

Renate Hugel 

„Kunstbegegnungen – 34“

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Ronald Anderson (Künstler amerikanischer Ureinwohner):  “Die Autoskulptur

 (Skulptur aus zwei ca. 2 m hohen Holzpfählen, zwei ausrangierten Autos, Blech, sowie Schrauben (zur Befestigung der Metallteile an den HolzpfählenStandort: Oklahoma Basin)

Linkes Foto: Besuch bei der Autoskulptur;  Rechtes Foto: Nahaufnahme der Autoskulptur;

Aufnahmen: Von 2001

Die Autoskulptur

Irgendwann hatte uns Ronald Anderson (RA) zu diesem Feld gefahren, auf dem er bereits vor Jahren seine „Autoskulptur“ aufgestellt hatte.

Diese Skulptur wird an der rechten und linken Seite begrenzt durch je einen unbearbeiteten runden Holzpfahl in naturbelassener brauner Farbe. Dazwischen befindet sich direkt über dem Feldboden ein Autowrack in den Farben rot und blau. Die vordere Begrenzung des Autos (wo sich normalerweise die Scheinwerfer befinden), bildet die Standfläche auf dem Feldboden. Somit steht das Autowrack senkrecht zwischen den beiden ca. 2 m hohen Außenbegrenzungen und zwar so, dass der Betrachter direkt auf das Autodach blickt, wie auch auf die Frontscheibe mit angrenzender Motorhaube (darunter); und die obere Begrenzung bildet das Auto Heck.

Mit der gewählten Farbgebung teilt RA die oben beschriebene Draufsicht auf das Autowrack in eine linke (rote) und rechte (blaue) Seite. Oben, auf dem Heck hatte RA zwei Stahlstangen stabil montiert. An deren oberen Enden tragen diese Stangen eine dünne Metallscheibe.

In Zusammenhang mit dem beschriebenen Unterbau bildet die rund geformte Metallscheibe ein menschliches Gesicht, das RA auch als solches zeichnerisch angedeutet hatte. Die Metallzungen stehen somit für „Haar“. Auch die Stahlstangen werden dadurch als „Hals“ wahrgenommen; und das Auto Heck interpretiert der Betrachter nun als „Schultern“.

Die oben beschriebene Draufsicht auf das Auto verwandelt dieses Autowrack in einen menschlichen Körper: Dem Betrachter steht somit eine Person von imposanter Größe und Statur gegenüber!

Während die langen Holzpfähle rechts und links nach oben „weiterlaufen“, befindet sich über dem Metallzungen-Haar ein Zwischenraum, der den Blick freigibt auf das Dahinter: Auf dem Foto ist es das Blau des Himmels.

Dort, wo in etwa das letzte Viertel der ca. 2 m hohen Holzstämme beginnt, hatte RA ein weiteres Autowrack (jedoch von weißer Farbe) montiert, das bis zum oberen Ende der Holzstämme reicht.

Dieses Autowrack scheint gekürzt worden zu sein. Zusätzlich hat es Applikationen erhalten aus Blech und Stahlstangen. Rechts oben bestimmt ein aus Autoblech geformtes Bisonhorn die Wahrnehmung, denn an dieser Stelle wird die Symmetrie der Skulptur „gestört“. Darunter blickt der Betrachter in dunkle Bisonaugen, dargestellt durch die leeren Blechrahmen von Autoscheinwerfern. Und, schließlich da, wo sich das Maul eines Bisons befindet, ragt ein trapezförmiges Gebilde aus Stahlstangen dem Betrachter entgegen: Ein schwarzes Etwas befindet sich auf dem Autoblech, innerhalb der trapezförmigen Fläche platziert, und stellt offenbar die Zunge dieses Bisons dar.

In seiner weißen Farbe wirkt dieses kraftvolle Tier allerdings wie „nicht von dieser Welt“, das über allem „schwebt“.

Wenn man weiter zurück tritt, hat man – bei genügend Abstand – den Gesamteindruck dieser Autoskulptur vor sich:

Für mich erinnert dieses oben beschriebene Arrangement sehr an einen Totempfahl.

Im Folgenden will ich in meiner Interpretation meine obige Aussage begründen:

Totempfähle stellen ein Familien- oder Stammeszeichen dar, können aber auch Geschichten erzählen oder von wichtigen Ereignissen berichten mit Hilfe bedeutungsvoller Symbole. Diese sind von unten nach oben zu erfassen und zu deuten.

Genau auf diese Weise mache ich mich nun daran, der künstlerischen Aussage von Ronald Anderson auf die Spur zu kommen:

Dieser Totempfahl besteht aus zwei Elementen. Unten steht, absolut geerdet, eine menschliche Figur; mehr in himmlischen Sphären als auf der Erde befindet sich ein Bison mit nur einem Horn.

RA hat die Person mit einem Kopfschmuck versehen, womit klar ist, dass es sich um einen amerikanischen Ureinwohner handelt. Der Kopfschmuck verwandelt das Gesicht seines Trägers in ein Sonnengesicht. Dieses Sonnensymbol ist den Pueblo Ureinwohnern im Südwesten Amerikas zuzuordnen. Da es sich dabei nicht um die Stammeszugehörigkeit von RA handelt, verallgemeinert er damit seine Aussage.

Mit dem Problem, das er mit seinem Kunstwerk anspricht, müssen sich die amerikanischen Ureinwohner aller Stammeszugehörigkeiten auseinandersetzen:

Ein Totempfahl, der, gleich einem Wappen, für eine Familie oder gar für einen ganzen Stamm steht, trägt Symbole, die etwas mit der Weltanschauung und inneren Identifikation zu tun haben.

Von der Identität mit den eigenen Wurzeln sind heutzutage nur wenige Dinge mit spirituellem und / oder rituellem Hintergrund geblieben! Insofern steht dieser Kopfschmuck für Accessoires, die ihren spirituellen Hintergrund im gegenwärtigen Alltag jedoch verloren haben. Dafür hat der heutige Alltag (aus der Sicht von 2001) in unserer Zeit ein schwergewichtiges Symbol, das gleichzeitig mit einer inneren Identifikation mit diesem Gegenstand in Verbindung steht:

Das Auto!  

An die Stelle von inneren Überzeugungen und eines gelebten Weltbildes ist bei vielen Menschen (gleich welcher Nationalität) das Symbol „Auto“ getreten! Es erhöht das Selbstbewusstsein seines Besitzers, aber auch das ganzer Nationen – man kann sagen „fast überall auf der Welt“! Letztendlich waren einige der heutigen Ureinwohner Amerikas nicht verschont geblieben von dieser Identifikation mit einer „Aufwertung“ des eigenen Ich durch das Statussymbol Auto. Das einstige Weltbild der Vorfahren war ihnen genommen, entrissen worden. Eine innere Leere wollte gefüllt werden. (Ein psychologisches Problem, das allerdings bei vielen Menschen verschiedener Bevölkerungsgruppen vorkommt)…

Mit der Farbgebung des Körpers der dargestellten Person hatte RA eine vertikale Zweiteilung in Rot und Blau gewählt. Das Rot, etwas verblasst, bezieht sich für mich auf das einst tief leuchtende Rot, welches bei den Vorfahren der amerikanischen Ureinwohner für die spirituelle Kraft stand. Das von RA gewählte Blau symbolisiert für mich die Blutleere und damit die Welt der Gedanken, welche nicht mehr aus der persönlichen Erfahrung heraus entstehen. Vielmehr entspricht das ebenfalls erblasste Blau dem gegenwärtigen Alltagsbewusstsein, das in seiner Zerrissenheit der verschiedenen Tätigkeiten und Pflichten eines Tages die Gedanken oft kraftlos und flach werden lässt…

Irgendwie erscheint mir dieser dargestellte amerikanische Ureinwohner (in seiner Identifikation mit einstigen Symbolen der eigenen Herkunft, wie auch in seiner Identifikation mit einem Statussymbol unserer Tage) als ob er in eine Schablone gepresst worden ist. Dort gibt es kein Entkommen: Das Denken wird geleitet entlang der Denk-Schiene der Majorität.    

Doch über allem schwebt der Geist des so sehr verehrten Bisons.

Dieses einst total geerdete Krafttier erinnert daran, welche Muskelkraft und innere Energie er in der Vergangenheit verkörperte!  Dabei folgte er seinen eigenen Wegen und der eigenen Energie.

Für mich erinnert jener ein-hornige Bison daran, dass auch die amerikanischen Ureinwohner es nicht versäumen sollten, ihrer eigenen Kraft und Energie zu folgen.

Und das ist die Herausforderung unserer Tage, seinen Platz in der bestehenden amerikanischen Gesellschaft zu finden, und gleichzeitig die eigene Identität (gespeist aus den spärlichen Spuren der eigenen Vorfahren) in das eigene alltägliche Leben zu integrieren!  

Interpretation: Renate Hugel

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Ronald Anderson habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 1, 13, 19, 25, 29  und 34“geschrieben. Zusätzlich gibt es eine Erwähnung unter „Kunstbegegnungen – 16“ (dem Beitrag zur Gemeinschaftsarbeit „Blockbilder“).

Anmerkung 2: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich in Teil 1 („Kunstbegegnungen – 1 bis 28“) auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann  zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“.

In Teil 2 (ab „Kunstbegegnungen – 29“) beziehen sich die Beiträge auf den Gegenbesuch in Oklahoma (USA)

Hinweis: (vom 24. 07. 2015):  Siehe auf HOME: „Anmerkung zu Ronald Anderson“

Renate Hugel

„Kunstbegegnungen – 33“

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Willi Griephan: „Der Hütebaum“ – – –  Oder: „Who’s That Hat“ („Wer ist dieser Hut“) – – –  Foto: Willi Griephan  – – – – Gracemont, Oklahoma, 2001

„Der Hütebaum“

( Oder: „Who’s That Hat“,  Willi Griephan, Bremen, Deutschland)

Dieses Kunstwerk ist das Ergebnis einer spontanen Idee, welche Willi Griephan (WG) bei unserem Kauf von (hier in Oklahoma äußerst wichtigen) Sonnenhüten in den Sinn kam. Und das hatte bei ihm ebenso spontan zum Kauf von zusätzlich ca. zwanzig Strohhüten geführt.

Noch wussten wir anderen nicht, was er damit wollte…

Zurück in unserem „Atelier im Freien“* richtete sich WG erst einmal seinen Arbeitsplatz ein in einem unserer „Tipi-Ateliers“*. – Dort war WG für die kommende Zeit fortan malenderweise anzutreffen. Eine wichtige Rolle spielte dabei offenbar die Farbe ROT:  Alle naturfarbenen Strohhüte verwandelten sich im Laufe der Zeit in rote Objekte. – Die Hauptrolle sollte dabei jedoch letztendlich ein Baum spielen…

(*siehe dazu: „Kunstbegegnungen – 31“)

In der Tat hatte sich WG schließlich in der weiteren Umgebung einen Baum auserkoren, um ihn mit seinen Hüten zu bestücken.

Damit hatte sich dieser Baum in einen „Hingucker“ verwandelt! Positive Energien und Gefühle gingen bereits von der Farbe Rot aus, welche zwischen Baumstamm, Ästen und Laubwerk ihre Kraft erstrahlen lassen konnte. Die Tatsache, dass Hüte die Träger von Rot waren, mag Symbol dafür sein, dass sie als Beschützer des menschlichen Kopfes auch kraftvolle positive Gedanken erzeugen möchten.

Wie auf dem Foto zu sehen, erschienen diese roten Hüte im Lichte der gleißenden Sonne in einer wundervollen Transparenz und Leichtigkeit! Der Betrachter kann sich der Empfindung nicht erwehren, dass diese Hüte in ihrem ROT NICHT einengen oder gar Denkschranken errichten wollen! Vielmehr lassen sie die Gedanken beflügeln und ihnen den Weg in die hohen Sphären weisen…

Sehr bald stellte sich heraus, dass diese Baumskulptur noch einen weiteren Mitspieler bekommen sollte…

Die Kraft des Windes zeigte dann doch ihre Wirkung, rüttelte an den Ästen, Blättern und Hüten! Erstaunlicherweise hielten sie sehr lange jenen Kräften des Windes statt – zumindest die allermeisten Hüte.

Doch irgendwann sah man hier und da – abseits des Standortes des „Hütebaumes“ – entrissene Hüte, getragen von den Winden.

Während sie so über Feld, Wiesen, Wege oder Straßen vom Winde getragen wurden, war der Wind damit der Überbringer von freundlichen Grüßen an die Bewohner geworden…

Eine nette Geste auch an die Bevölkerung, die WG damit gelungen war!

Die Frage „Who’s That Hat?“ war der erste spontane Titel, den Willi Griephan seiner Baumskulptur „Hütebaum“ 2001 gegeben hatte. Darauf möchte ich nun antworten:

„Es ist der gute wohl gesonnene Geist, der positiv in dieser Welt verwirklicht werden möchte!“

Interpretation: Renate Hugel

Es folgt eine Darstellung von Willi Griephan selbst – zu seiner Person, Motivation und Gestaltungsabsicht, die zum „Hütebaum“ geführt hatte:

 Ich kam nach Oklahoma mehr als Beziehungsanhang denn als beteiligter Künstler, bin von der Ausbildung und Selbstverständnis Ingenieur, aber ein neugieriger und aufgeweckter Zeitgenosse. Da ich keine Materialien, Werkzeuge oder Ideen zu dem ‚Atelier im Freien‘ mitgenommen habe, musste ich mich erst einmal umgucken. Es war ein trockener Landstrich in dem wir gelandet waren, auf rotbrauner Erde wuchsen Gebüsch und kleine Bäume, die einzelnen Farmen waren mit Weiden umgeben aber ziemlich weit voneinander entfernt. Pferde und Rinder waren zu sehen, aber auch Lamas standen auf den Weiden, die eigentlich ein paar tausend Kilometer weiter südlich hin gehörten. Die Farmer dieses Landstrichs schienen etwas seltsame Hobbys zu pflegen, um Kontrapunkte gegen die öde Gegend zu setzen.

Ich musste eine Idee aus dem Land gewinnen, aber was sollte ich mit rotbrauner Erde und schütterem grünen Bewuchs anfangen?

Einziger bemerkenswerter Blickpunkt war ein Mimosen Baum, hoch, knorrig mit schütteren, hellgrünen, feingliedrigen Blättern. Mit dem wollte ich etwas anfangen. Irgendwas Skurriles, das zu diesem Landstrich und seinen Bewohnern passte. Irgendwas Belebendes, das diese Öde aufmischte.

Das löste sich irgendwie in einem Supermarkt auf. Drei Frauen aus unserer Gruppe kauften Sonnenhüte geflochten aus Stroh. Sinnvoll beim vorherrschenden Wetter und billig, weil es Sommer-Schlussverkauf war. Solche Strohhüte konnte ich in den Baum hängen. Sie können Menschen darstellen, oder besser nur Köpfe und waren ein schöner Gegensatz zu dem naturhaften Baum: rund, elegant geschwungen. Nur die Farbe passte noch nicht. Die Farbe des Strohs war zu natur-nah. Aber die Farbe ließ sich leicht ändern. Ich brauchte eine Gegenfarbe zum Hellgrün der Blätter. So kam ich zu der roten Bonbonfarbe der Hüte.

Die Hüte wollte ich in den Baum hineinhängen. Ich versuchte sie mit einem Bindfaden von den oberen Ästen herunterhängen zu lassen. Das wirkte wie Laternen, die im Wind schaukelten. Wie Kinderbelustigung, wie Pillepalle. Die Hüte brauchten einen festen Platz im Baum. Ich suchte festen Draht im Haus, im Schuppen, in der Umgebung. Es war nichts zu finden. Ich durchstreifte die weitere Umgebung und fand nichts außer Weidenzweigen. Sie waren biegsam und fest zugleich.

So entstand die Skulptur und ich war zufrieden. Sie war  assoziationsfähig. Es konnten Baumgeister sein, die sich diesen besonderen Baum ausgesucht hatten. Es konnte aber auch nur ein Spiel Naturform gegen Kulturform mit ihren unterschiedlichen Farben sein. Da darf sich der Betrachter entscheiden.

Willi Griephan

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Willi Griephan habe ich unter „Kunstbegegnungen“ den Beitrag „Kunstbegegnungen – 33“  geschrieben.

Anmerkung 2: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich in Teil 1 („Kunstbegegnungen – 1 bis 28“) auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann  zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“. – In Teil 2 (ab „Kunstbegegnungen – 29“) beziehen sich die Beiträge auf den Gegenbesuch in Oklahoma (USA) – – – Renate Hugel