„Kunstbegegnungen – 35“

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Sherman Chaddlesone  – Künstler amerikanischer Ureinwohner – (2. Juni 1947 – 17. August 2013) 

“Following the Ragweed Sun Dance” („Dem Ragweed – Sonnentanz folgen“)…

Ledger Art: Druck auf Arches – Papier + Wasserfarben; 60 x 43 cm / 2000

„Following the Ragweed Sun Dance“ von Sherman Chaddlesone:

Ein Beispiel für die „Ledger Art“

Für Sherman Chaddlesone (ShCh) waren seine Drucke auf „Arches“-Papier ein wichtiger Teil seiner künstlerischen Tätigkeit.

Der ausgesuchte Beispiel-Druck oben ist typisch für seine Arbeitsweise und Aussage-Absicht.

Auf den ersten Blick fällt die detailreiche Herangehensweise auf. Diese Aussage trifft sowohl auf die grafische Gestaltung der dargestellten Sujets zu, wie auch auf die differenzierte Farbgebung aller Motive, an der Realität orientiert. Darüber hinaus hatte ShCh seinen authentischen grafischen Motiven eine Unverwechselbarkeit gegeben. Durch diese grafischen Lösungen  verlieh er  seinen Arbeiten einen Wiedererkennungswert, der ihn, ShCh, als Künstler somit ausweist. Dazu zählen beispielsweise die Form der Tipis, die Art der Darstellung der Personen, oder die der Pferde.

Im Ergebnis hatte ShCh so eine vollständige Szene erschaffen: Die hier vorgestellte Arbeit zeigt den – in der Vergangenheit jährlich abgehaltenen – „Ragweed“ – Sonnentanz.

Wenn ich oben von der dargestellten Realität spreche, ist also eine Realität aus der Vergangenheit gemeint!

Bei der Auswahl der Motive für seine Drucke verfolgte Sherman Chaddlesone nämlich die Absicht, auf bildlicher Ebene die Gegenstände, Personen und ihre Kleidung aus früheren Zeiten authentisch abzubilden. Dafür stellte er, falls notwendig, intensive Recherchen an: „Dinge, Situationen Traditionen oder Bräuche der Vergangenheit wollte er auf diese Art und Weise dokumentieren. Das, was nicht tradiert werden konnte (nicht, weil es noch keine Fotografie gegeben hatte), sondern, weil es kaum bis keine Vorfahren gegeben hatte, die etwas aus der vergangenen Kultur hätten weiterreichen können an die nächsten Generationen!“ (Siehe dazu: „Kunstbegegnungen – 24“)

Sherman Chaddlesone ordnete seine Drucke der „Ledger Art“ zu.

Was ist damit gemeint?

Der Begriff „ledger“ wird im Wörterbuch mit „Kontobuch“ übersetzt. Es handelt sich dabei um Kontobücher, wie sie im 19. Jahrhundert für die Buchführung benutzt wurden. Die einzelnen Seiten waren bedruckt mit eng verlaufenden waagerechten parallelen Linien. Senkrechte Linien teilten das Blatt in verschiedene Rubriken ein.

Wenn zu der Zeit diese Kontobücher voll waren, wurden sie nicht mehr gebraucht und in der Regel weggeworfen.

Irgendwann entdeckte man diese Kontobücher als Papierquelle:

Während des Red-River- Krieges, bzw. Buffalo-Krieges sollte die letzte freilebende Büffelherde verteidigt werden. „Im rauen Winter von 1874 – 1875 waren viele Stammeslager gezwungen, sich zu ergeben.“… „Captain Pratt“ wollte den gefangen genommenen „Indianern Bildung in der weißen amerikanischen Kultur“ ermöglichen. „Er versorgte die Indianer auch mit Bleistiften, Tinte, Kreiden, Wasserfarben und Papier.“ Und das Medium, auf dem dann gearbeitet werden konnte, waren diese Kontobücher, oder auch die herausgetrennten Seiten der ausgedienten Kontobücher.

(Quelle der ausgewiesenen Zitate zum geschichtlichen Hintergrund der Ledger Art: https://de.wikipedia.org/wiki/Ledger_Art)

 Einige der damaligen Ureinwohner Amerikas blieben auch später (nach der Gefangennahme) dabei, sich künstlerisch zu äußern und hatten sich im Laufe der Zeit zu anerkannten Künstlern entwickelt. Thematisch hatten sich diese Werke darauf bezogen, die zumeist schlimmen Ereignisse der aktuellen Zeit, Epoche zu dokumentieren.

Somit waren diese oben beschriebenen künstlerischen Äußerungen die ersten „Stimmen“ der amerikanischen Ureinwohner als Betroffene!

Sherman Chaddlesone hatte seine Drucke auf diese Ledger Art bezogen, um so an die großen Leistungen dieser ersten Künstler amerikanischer Ureinwohner zu erinnern und diese zu würdigen.

 Während die frühen Künstler amerikanischer Ureinwohner die Ereignisse festhielten, welche sie ihrem ursprünglichen Leben entrissen und unsägliches Leid für sie gebracht hatten, dokumentierte ShCh das, was verloren gegangen war in der Vergangenheit!…

                                             Interpretation: Renate Hugel

An dieser Stelle möchte ich zwei Angehörige der Kiowa persönlich zu Wort kommen lassen.

Während unseres Aufenthaltes in Oklahoma (2001) hatten wir eine kleine Broschüre erhalten mit dem Titel „The View from Rainy Mountain“ („Der Blick vom Regnerischen Berg). In dieser Broschüre kommen Kiowa Künstler zu Wort. Sherman Chaddlesone hatte mehre Texte zu Themen der Kiowa geschrieben. Zum Sonnentanz zitiere ich hier Mirac Creepingbear (Seite 5), Sherman Chaddlesone (Seite 8):

Mirac Creepingbear (Künstler amerikanischer Ureinwohner):

„Der Sonnentanz war die wichtigste Stammeszeremonie. Diese jährliche religiöse Befolgung brachte alle Kiowa Stammesmitglieder zusammen, die während des Rests des Jahres in kleinen politisch und wirtschaftlich unabhängigen Verbänden lebten. Der Sonnentanz diente dazu, die spirituelle und physische Einheit der Gruppe zu beteuern. Es wurden Verwandtschaftsbeziehungen („Verwandtschaftskrawatten“) erneuert, Ehen arrangiert, Eigentum getauscht, neue Heldentaten wurden bekannt gegeben und unter hochrangigen Kriegern gab es  politisches Manövrieren. Vor der Zeremonie gab es jedes Jahr eine Bisonjagd (Anmerkung: Renate Hugel: um einen einzigen Büffel zu töten), sowohl um die Teilnehmer mit Nahrung versorgen zu können als auch, um die unbedingt notwendige Bisonhaut, wie auch den Kopf zu liefern, um auf der Zentrierungsstange in der Sonnentanzhütte angezeigt zu werden.

Der letzte Kiowa Sonnentanz fand statt in den 1890er Jahren.

Die Teilnehmer hatten vor dem Betreten der Sonnentanzhütte  ein Schwitzbad (Skal-Quo) genommen. Dabei ging es um das Reinigen der gesamten Person“… (Seite 5)

(Soweit Mirac Creepingbear)

Sherman Chaddlesone (Künstler amerikanischer Ureinwohner):

 „Unsere Herzen liegen schwer auf dem Grund“ (alte Kiowa-Redensart)

Das Ende des Sonnentanzes und der Büffel

Im Reservat angekommen, sahen sich die Kiowa nun mit einer freudlosen Zukunft konfrontiert. Die riesigen Büffelherden verschwanden bald durch die heftigen Angriffe der weißen Jäger, für die das Töten der Bisons nur Sport war, oder, die aus ihren Verstecken heraus töteten und das Fleisch verrotten ließen. Es war jenseits der Vorstellungskraft und des Verständnisses der Kiowa, dass Büffel auf so verschwenderische Art und Weise getötet wurden; ebenso war es jenseits der Kiowa-Visionen von der Verbindung des Menschen mit der Erde und den Kreaturen der Natur.

Im Sommer 1879 konnten die Kiowa keinen einzelnen Büffel auf den Südebenen für ihren Sonnentanz finden. Ohne das Pferd und den Büffel hatten die Kiowa – ohne ihr Lied und ihren Tanz – ihre kulturelle Identität verloren. (…) Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit lagen wie ein Leichentuch über den Kiowas, da ihnen ihre Jagdgründe verwehrt, ihre religiösen Zeremonien verboten und sie ihrem sozialen System entwurzelt wurden. Das Ende der Büffelkultur… Die Kiowa Ureinwohner waren besiegt worden.“ (Seite 8)

(Soweit Sherman Chaddlesone)

Quellenangabe der Zitate:

Die oben angegebenen Zitate sind auf den Seiten 5 (Mirac Creepingbear) und 8 (Sherman Chaddlesone) in der Broschüre „View from Rainy Mountain“ zu finden. Es folgt ein Zitat von der Cover-Rückseite der Broschüre: „Diese Veröffentlichung ist eine Produktion der Jacobson- Stiftung, einer kulturell übergreifenden Organisation, inspiriert vom Vermächtnis des Oscar Jacobson und von den Kiowa-Five.“

– – –

Diese Zitate von M. C. und ShCh. sprechen für sich!

Das Kunstwerk Following the Ragweed Sun Dance von ShCh erhält – in Zusammenhang mit diesem Hintergrundwissen – eine enorme Aussagekraft: Die Augen des Betrachters werden geöffnet für eine neue Sichtweise – abseits von einer möglicherweise folkloristischen Wahrnehmung: Die Visualisierung durch detailgetreue Wiedergabe bedeutet eine Wertschätzung der identitätsstiftenden Zeremonie des Sonnentanzes  – in einer bewusst gestalteten „Momentaufnahme“ in Gedenken an die Ahnen!

Renate Hugel

Zur Person von Sherman Chaddlesone  (Künstler amerikanischer Ureinwohner)

2. Juni 1947 – 17. August 2013

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Sherman Chaddlesone (Kiowa)

Bildangaben: Renate Hugel: „In Erinnerung an Sherman Chaddlesone“ Oder:

“Die eigene Person mit dem Leben der Ahnen erfüllen” – – –

Bleistiftzeichnung auf Transparentpapier, hinterlegt mit einem Fotoausschnitt*, 16 x 25,5 cm, 2014 (* Ausschnitt aus einem Foto, aufgenommen während der Kiowa Black Leggings Zeremonie

in der Nähe von Anadarko, Oklahoma, 2001)

Sherman Chaddlesone hatte “in Anadarko, Oklahoma” gelebt; “seine frühe Ausbildung in Kunst hatte er zu Hause von seinem Vater empfangen (John Chaddlesone, dem berühmten Kiowa War Chief, Santana – Whitebear), der ihm eine Grundanweisung gegeben hatte in Anatomie, Portraitmalerei und Skizzieren mit Bleistift. Später, während der Mitte der 1960-tiger Jahre, studierte er Kunst im Institut für Kunst amerikanischer Ureinwohner in Santa Fe, New Mexico;  von seinem guten Freund T.C. Cannon wurde er (seitdem) zutiefst beeinflusst.

Gelegentlich hatte Chaddlesone Inhalte aus Kiowa-Kalenderaufzeichnungen übernommen für seine Arbeiten im Ledger Stil. Die Kiowa und Sioux Stämme waren die einzigen Stämme, die solche Aufzeichnungen aufbewahrt hatten; (und) eine Urgroßmutter von Chaddlesone hatte bei sich einen Kalender in einem Kontobuch (ledger book) verwahrt, dessen erster Eintrag vom Sommer 1856 datiert worden war, und der letzte Eintrag von 1934.”

Diese Informationen zur Person von Sherman Chaddlesone sind – in Übersetzung – ein Zitat aus dem „Native American Art Calendar“ von 2001 (Kalenderblatt von März 2001).

(Druck des Kalenders im Jahr 2000 in Norman, Oklahoma; gesponsert von Levite Apache, Jacobson House Native Art Center, American Indian Cultural Society und Tribes Gallery, aus Norman)

                                           Renate Hugel

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Sherman Chaddlesone habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 5, 11, 24, 27 und 35“geschrieben. Zusätzlich gibt es eine Erwähnung unter „Kunstbegegnungen – 16“ (dem Beitrag zur Gemeinschaftsarbeit „Blockbilder“).

Anmerkung 2: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich in Teil 1 („Kunstbegegnungen – 1 bis 28“) auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann  zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“.

In Teil 2 (ab „Kunstbegegnungen – 29“) beziehen sich die Beiträge auf den Gegenbesuch in Oklahoma (USA)                                                                                                       Renate Hugel

 

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