„Kunstbegegnungen – 41“

– Renate Hugel –

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Renate Hugel: “Die Deckenfrau”, Acryl auf Karton,

28×41 cm, bzw. 39×52,5 cm (mit ausgeklappten Seitenteilen), 2001

Die Deckenfrau

Das Bild „Die Deckenfrau“ habe ich im „Heaven“ gearbeitet (siehe „Heaven“: „Kunstbegegnungen – 31“) und mit Acryl auf einen Karton – Deckel gemalt, inklusive der vier Seitenflächen des Deckels. Darum war meine Arbeit zunächst dreidimensional. Für den Transport hatte ich allerdings die Verklebung der Seitenteile gelöst. Auf dem Foto oben sind die ausgeklappten Seitenteile zu erkennen.

Die spontan gesetzte Motiv-Komposition besteht aus  assoziativ gemalten Elementen und Farbflächen zwischen Blau, Rot und Pastellgrün. Darüber hinaus erfuhren einige Flächen und Motive gestische Einritzungen.

In seiner Aussage bezieht sich „Die Deckenfrau“ auf ein Erlebnis, das zu dem damaligen Zeitpunkt einige Tage zurückgelegen  hatte:

Wir Gäste waren eingeladen worden, an der jährlich stattfindenden Kiowa Black Leggings Zeremonie teilzunehmen.

Diese Zeremonie ist das jährliche Hauptereignis, das große Pow Wow, des Kiowa – Stammes. Damit ist es für alle Stammesangehörigen Gemeinschaft- und Identität-stiftend.

Auf einem großen Areal befand sich ein eigens errichtetes Tipi, von der Tribüne aus auf der  linken Seite platziert. Die farbliche Gestaltung der Tipi-Ummantelung entspricht der Tradition: Eine Hälfte des Tipi-Stoffes ist gelb-schwarz gestreift, wobei die Streifen waagerecht verlaufen. Der restliche Stoff ist weiß, im oberen Teil bis zur Spitze jedoch rot. Über die Spitze hinaus ragen – wie üblich – die Holzstangen des Tipis.  Auf einer dieser Stangen ist die amerikanische Flagge im Wind wehend zu sehen. Der Eingang des Zeltes befindet sich auf der Seite, die zu dem kleinen Waldstück dahinter weist*.

Genau gegenüber befindet sich die große Tribüne, errichtet worden für die Besucher, die Zuschauer. Die Sitzreihen verliefen an der Längsseite des oben erwähnten Areals entlang. Die weiteren Sitzreihen dahinter waren gleichzeitig stufenförmig nach oben angeordnet, so dass die Besucher von allen Plätzen aus die Zeremonie verfolgen konnten.

Wenn ich von den Zuschauern spreche, meine ich schätzungsweise achthundert Personen. Sie waren vorwiegend amerikanische Ureinwohner der Kiowa – bis auf uns Gäste. Andere Ausnahmen waren die Ehepartnerinnen oder Ehepartner, die einem anderen Stamm angehören, ihren Partner, ihre Partnerin jedoch begleitet hatten.

Anmerkung zu * (siehe oben im Text): Die Leute waren zum Teil von weither angereist und hatten in dem kleinen Waldstück die Möglichkeit, dort zu übernachten. Die meisten Angereisten hatten hier ihre Kombis oder auch Wohnwagen abgestellt. Auch wer abends noch nach Hause fahren wollte hatte bereits am Vormittag Zelte und, oder Pavillons aufgebaut, vorwiegend „Esspavillons“.

Zum Ablauf der Zeremonie:

Die gesamte Zeremonie folgte einer festgelegten Reihenfolge von Programmpunkten:

  • Die Ansprache: Sie begann mit der Nachricht vom Kriegsbeginn in Afghanistan. Es folgten Gebete und ernste Worte, da viele junge amerikanische Ureinwohner aus ihren Reihen eingezogen worden waren.
  • Nach alter Kiowa-Tradition begannen die Frauen der „siegreichen Krieger*“ mit dem Tanz der Frauen.

 Es folgte der Tanz der jungen Krieger*. Dass viele der jungen Männer fehlten, war sorgenvoll angekündigt worden (siehe Punkt 1).

Anmerkung zu *: Der Begriff „Krieger“ war für uns sehr gewöhnungsbedürftig, da eher pazifistisch eingestellt. Tatsächlich hatten wir die amerikanischen Ureinwohner als sehr freundliche und wohlwollende Menschen erlebt, für die es selbstverständlich war, uns Gäste in ihren Reihen aufzunehmen und an ihren Traditionen teilnehmen zu lassen. Somit hatten wir sie als friedvoll gestimmt erlebt.

Nun ist aber diese authentische Zeremonie der „rote Faden“ zur „Blutlinie“ ihrer Vorfahren und die tradierten Bezeichnungen –  daher für die Kiowa-Ureinwohner selbstverständlich.

  • Der nächste Einzug begann mit jungen amerikanischen Ureinwohnerinnen, die die Aufgabe hatten, die Veteranen anzuführen und auf die Bühne zu begleiten.

Alle diese Männer waren seinerzeit verpflichtet gewesen, in Vietnam zu dienen. Hier führten sie nun den Tanz der Veteranen aus.

Auch Sherman Chaddlesone gehörte der Gruppe der Veteranen an (siehe dazu: „Kunstbegegnungen – 11“).

Dieser Programmpunkt ist nach meinem Empfinden nicht ausschließlich eine Anerkennung des geleisteten Einsatzes – wie es vielleicht in der Vergangenheit gedacht war. Mit dieser Zeremonie fühlen sich die Afghanistan-Veteranen aufgenommen im Kreise der Gemeinschaft. Dort erfahren sie eine Geborgenheit, die ihnen hilft, erlittene Verletzungen – körperlicher, wie auch seelischer Art – zu verarbeiten…

Der Tanz der Veteranen zog sich sehr in die Länge und wurde von allen Beteiligten mit Ernst und Hingabe ausgeführt. Nach Abschluss dieses Tanzes der Veteranen betraten bisher unbeteiligte Frauen aus der Zuschauermenge schließlich die Tanzfläche, um sich dem Tanzen anzuschließen. Wichtig war es, sich dabei in eine Decke zu hüllen: Das war die Phase des „Deckentanzes“. Margaret Hettrick (siehe: „Kunstbegegnungen – 6 + 23“), die aus Texas angereist war, um der Zeremonie beizuwohnen, hatte sich ebenfalls auf die Tanzfläche begeben und sich vorher in eine Decke gehüllt. Irgendwann kam Sherman Chaddlesone’s Schwester zu meinem Mann Heinz und mir, umhüllte uns jeweils mit einer Decke und führte uns auf die Tanzfläche!

Später erfuhren wir, dass wir die ersten Deutschen waren, denen diese Ehre des Mittanzens zuteil geworden war!

Solch eine großmütige und Freundschaft-stiftende Geste hatten wir als großen Vertrauensbeweis empfunden!

Dem Tanz der Veteranen folgte dann abschließend die Zeremonie:  Der besiegte Tod.

In seiner Gesamtheit folgt der „Tanz der Veteranen“ einer bestimmten Choreographie. Dabei muss jeder Schritt genau sitzen. Diese Information sollte uns „Ahnungslosen“ auf die Feinheiten aufmerksam machen. Deshalb konnten wir die minimalen Bewegungsabläufe, wie auch den gesamten Aufbau gar nicht wahrnehmen. Was wir aber deutlich erkennen konnten, war, wie groß die körperliche Anstrengung, und wie hoch die stundenlange Konzentration gewesen sein mussten: Sherman Chaddlesone sank am Ende sichtlich erschöpft auf seinen Sitz.

  • Der letzte Programmpunkt der Gesamt-Zeremonie war dann eine Namensgebung-Zeremonie für ein Kleinkind: Die Leute aus dem Umfeld der jungen Familie beschenkten sich gegenseitig. Dafür sind viele Leute auf die Veranstaltungsfläche gegangen und haben dort Tüten oder Taschen – mit Namenschildern versehen – abgestellt.

Während der Namensgebung wurden vor dem jungen Elternpaar Geldscheine hingelegt. Die Namen der Beschenkten („gegenseitige Beschenkung“) wurden anschließend verlesen. Und so war jeder Beschenkte zu seinem Geschenk gekommen.

Nachdem die Veranstaltung schließlich beendet worden war, löste sich die Menschenmenge auf: Viele Ureinwohner hatten sich auf den Heimweg gemacht, doch es gab auch zahlreiche Angereiste, die in dem kleinen Waldstück übernachten wollten (in ihren Zelten, Pavillons oder Wohnwagen, bzw. Kombis). Zunächst begab man sich jedoch in die vorbereiteten Esspavillons. Auch die Familie Chaddlesone hatte einen Esspavillon vorbereitet, und wir Gäste waren alle eingeladen, dem gemeinsamen Essen beizuwohnen! Abermals waren wir überwältigt von der großen Gastfreundschaft,  Herzlichkeit und Freundlichkeit, die uns entgegengebracht worden waren!!!

Der Klang der Trommel wirkte noch immer energie-gebend in uns nach. Pausenlos hatten die Trommler während der gesamten Kiowa Black Leggings Zeremonie getrommelt zu den verschiedenen Programmpunkten dieses Nachmittags und hatten damit eine wichtige Rolle gespielt.

In dem Zusammenhang erscheint es wahrscheinlich unverständlich, dass ich auf meinem Acryl-Bild „Die Deckenfrau“ rechts außen eine Flöte gemalt hatte, die die Farbe ihrer Umgebung aufweist und in großem Abstand zur „Deckenfrau“ sich befindet.

Ich hatte den ganzen Nachmittag die vage Empfindung, als ob zart bewegte Luft in Schwingung geraten war und sensible Flötentöne zwischen den Menschen verbreitete: Eine gemeinsame Stimmung unter den Menschen, die etwas weit Entferntes  innerlich bewegte – etwas aus der zeitlichen Ferne …

Die Trommeln hatten Energie und  Rhythmus der Vortragenden hörbar gemacht. Die Stimmung der Menschen darauf hatte sich unterschiedlich geäußert, war jedoch getragen von einer gemeinsamen inneren Schwingung…

Dieses innerliche Bewegt-Sein hatte ich gleich einem unscheinbaren, fast gehauchtem Singen oder Flötenspiel aus der Vergangenheit vernommen: ein zarter Klang lag in der Luft, gleichzeitig wie ein leicht rauer Atem-Hauch, der aus weiter Ferne als einende Erinnerung an die Ahnen und die Vergangenheit zu kommen schien…

 Alle zusammen hatten während der gesamten Zeremonie die Chance, ihre ihnen allen „ureigene Melodie zu singen“…

 Das Gedenken an die Ahnen ist eine respektvolle Geste, die ihren Ausdruck in der Ausführung der Tradition findet und als Empathie für das Schicksal der Ahnen beabsichtigt ist.   

Im Gedächtnis geblieben war uns die unverstellte Herzlichkeit uns gegenüber. Gleichzeitig hatte mich die intensive Hingabe aller Beteiligten (Ausführende, wie auch Zuschauende) an die Traditionen ihrer eigenen Vorfahren beeindruckt! Besonders zählte dazu der angemessene Respekt für die Vorfahren und die Ernsthaftigkeit bei all ihrem Tun…

Vor einigen Jahren hatte ich ein Foto gefunden, das ich 2001 während der „Black Leggings Zeremonie“ aufgenommen hatte. Dieses war mir geeignet erschienen als Beispiel für das, was ich oben ausgeführt hatte. Auch hatte es mich inspiriert zu der Arbeit „Mutter und Tochter folgen der Zeremonie“(2012).

Bildangaben:

Renate Hugel: „Mutter und Tochter folgen der Zeremonie“ – Oder: „Bewahren schafft ein starkes Band“, Mischtechnik, Absprengtechnik (29,5×41,5 cm), 2012 (Siehe auch: 19. Februar 2015 auf HOME)

Dieses Bild hatte ich gearbeitet mit schwarzer, wie auch andersfarbiger Tusche und Deckweiß. Nachdem ich eine Entwurfsskizze auf das Papier gebracht hatte, musste ich zunächst helle, wasserfeste Farben setzen und dann entscheiden, welche Flächen erhalten bleiben sollen: Weil meine Vorgehensweise nun der sog. „Absprengtechnik“ folgte. Alles, was erhalten bleiben sollte, wurde nach dem Trocknen mit Deckweiß abgedeckt. Auch das muss erst einmal trocknen, wonach das gesamte Bild mit schwarzer Tusche bemalt wird. Wenn auch das wiederum getrocknet ist, kann das Bild unter Wasser abgewaschen werden. Alles, was nicht abgedeckt worden war mit Deckweiß, hatte sich schwarz gefärbt (bei mir teilweise gemischt mit Rotbraun). Das nun nasse Deckweiß unter der schwarzen Tusche platzte auf, ließ sich abwaschen und gab die Farben darunter frei. In dem Moment, in dem ich das Abwaschen stoppe, kann ich gewünschte Deckweißspuren erhalten…

Die Absprengtechnik hatte ich gewählt, weil durch den Prozess dieser Technik bereits Verborgenes wieder ans Tageslicht befördert wird…  – und sie, die Technik, somit zum Symbol für das „Hervorholen von Vergangenem – und damit „Verloren-Gegangenem“ – wird…

Meine Intention, die tradierende Kraft, weitergegeben an die Kinder, sichtbar werden zu lassen, sehe ich in der inneren Haltung der Personen meines Bildes: Die Mutter ist vertieft in Konzentration und offensichtlich dabei „innerlich angekommen“, in Erwartung der Zeremonie. Das Mädchen orientiert sich am Verhalten der Mutter, wie auch an ihren Gefühlen und ihrer inneren Haltung…

So erhält die Kette der Zeremonie-Wiederholungen mit den Jahren jedesmal ein neues Kettenglied in der Zeit…

Der oben beschriebene Prozess des „Zurückgehens zu den Wurzeln“nicht nur gedanklich, sondern auch durch körperlichen Einsatz, also mit dem Tun und Ausführen der Traditionen bei entsprechend innerer Haltung“, das erschafft innere Stärke, die den Menschen im Hier und Jetzt eine gewisse Größe verleiht!!!!!

Interpretation: Renate Hugel

Renate Hugel

 (Bremen, Deutschland)

Renate Hugel-Selfie, 2017

www.other-q.com/renate-hugel

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Renate Hugel habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 9, 17, 22 und 41“ geschrieben. Zusätzlich gibt es eine Erwähnung unter „Kunstbegegnungen – 16“ (dem Beitrag zur Gemeinschaftsarbeit „Blockbilder“).

Anmerkung 2: Informationen zum gesamten bisherigen Inhalt der Kategorie „Kunstbegegnungen“ finden Sie, wenn Sie auf HOME rechts außen „Kunstbegegnungen“ anklicken.

Renate Hugel

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