„Kunstbegegnungen – 42“

Ronald Anderson (Künstler amerikanischer Ureinwohner):

“Apachen Tanz”,  Acryl auf Recycling-Pappe, 80×57 cm, 2000

Tanz der Apachen in der Nacht

 Das vorliegende Acrylgemälde auf Recycling-Pappe (mit den Maßen 80X57 cm) hatte  Ronald Anderson im Sommer 2000 während des Symposiums in Bremen gemalt. Mit seinem Bild entführt er den Betrachter in eine typische Tanz-Szene der Apachen:

Um ein hell flackerndes Feuer bewegen sich die Tänzer, tragen in ihren Händen kurze hölzerne Schwerter. Die im Schatten sich befindenden  Personen erscheinen düster mit ihrer schwarz-weißen  Oberkörper-Bemalung, dem Rock und den Stiefeln, wie auch dem nach oben strebenden Aufbau auf ihren Köpfen: Die Basis bildet dort eine waagerechte Latte, von der rechts und links lange Stäbe emporragen, während dazwischen etwa drei bis vier Kerzen leuchten. Um dem Ganzen Halt zu geben, wird dieser Aufbau mit einem Band zusammen gehalten und am Körper fixiert (helle Rauten auf den Oberkörpern). Dadurch wird klar, dass der Tänzer vorne links im Bild von hinten zu sehen ist. Dasselbe trifft auf die kleine Person rechts daneben zu. Hinter dem Feuer, hingegen, befindet sich ein Tänzer, der vom Schein der Flammen hell erleuchtet ist.

Wenn der Blick nun vom Detail zurück zur Gesamtansicht wechselt, wird eine gemeinsame Energie der Personengruppe wahrnehmbar: Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich hier die Tänzer nach einer verinnerlichten Struktur des Ablaufs – während das Feuer sich im Zentrum befindet…

Für mich ist es offensichtlich, dass das vom Feuer erleuchtete Zentrum die Tänzer zu ihrem persönlichen inneren leuchtenden Zentrum führen soll… – als Voraussetzung dafür, seinen eigenen Geist zu erleuchten und die Gedanken zu klären…

Der rechts im Bild erscheinende Vollmond zeigt an, dass dieser „Apachentanz“ in der Nacht stattfindet. Die Symbolkraft der „Nacht“ (die für das Unbewusste steht) sehe ich als Ausdruck für den Willen zur Erleuchtung: Sie, die Nacht, kräftigt die Verbindung von Bewusstheit zum Unbewussten… Doch auch die immense Kraft der Natur, die sich in Tier, Pflanze, aber auch Landschaft manifestiert, ermöglicht Identifikation und Ausrichtung auf die eigene Energie: Die Tänzer nehmen in sich auf deren seelische Ruhe und Kraft in ihrem So-Sein…

An dieser Stelle kehrt meine Erinnerung zurück zum Jahr 2001:

Es war bereits dunkel geworden an diesem Tag, den wir bei der Kiowa Black Leggings Zeremonie zugebracht hatten (siehe dazu: „Kunstbegegnungen – 41“). Wie bereits im vorherigen Beitrag erwähnt, gab es zum Abschluss der Zeremonie ein gemeinsames Essen zusammen mit der Familie Chaddlesone, die uns dazu in ihrem Esspavillon eingeladen hatte. Schließlich dachten wir daran, aufzubrechen und uns von unseren Gastgebern zu verabschieden.

Den Veranstaltungsort hatten wir – insgesamt acht Personen – mit dem Auto erreicht und stiegen nun alle wieder dort hinein.

Bei dem Stichwort „Auto“ schweife ich nun etwas ab und möchte erwähnen, dass unser Besuch grundsätzlich wirklich perfekt durchgeplant worden war. Das bedeutete für die weiten Entfernungen auf dem Gebiet des Landes Oklahoma, dass wir auf ein Auto angewiesen waren. Und dafür hatte Ronald Anderson gesorgt: Wenn ich es richtig erinnere, war es sein Schwager, der großzügiger Weise uns ausgeholfen hatte – in seiner Funktion als Pastor der FELLOWSHIP OF AMERICAN INDIANS CHURCH in Chickasha OK. Der Kleinbus, mit dem wir fahren durften, trug diesen Namenszug mit großen Lettern. Unseren Dank dafür – mündlich bereits ausgesprochen – möchte ich hier noch einmal schriftlich bekräftigen!

Bald bemerkten wir, dass Ronald Anderson für die Heimfahrt einen seltsam anmutenden Weg eingeschlagen hatte! Es wurde immer dunkler! Rechts und links der engen Straße nahmen wir im tiefen Schwarz Konturen von Waldrändern oder einfach nur das reine Schwarz, offenbar über Feldern, wahr. Für mich war es unvorstellbar, wie er sich in diesem Labyrinth aus Schwarz – ohne jegliche Beleuchtung – orientieren konnte! Ronald Anderson vermochte es aber offenbar: Mit allergrößter Sicherheit bog er in eine querende Straße ein, verließ diese wieder und fuhr unbeeindruckt weiter in dieser Dunkelheit!

Unvermittelt – für uns – wurde er langsamer, hielt aber nicht an, sondern blieb bei der geringen Geschwindigkeit. Dabei hatte er nach links geblickt. Wir folgten seinem Blick auf ein weites Feld unter dem schwarzen Himmel, links davon zeugten die Schatten von einem beginnenden Wald…

Das Feld aber hatte den Blick freigegeben auf eine Szenerie!

Wir erkannten drei Personen, die  – in Hockstellung – bei hoher Aufmerksamkeit und Konzentration Bewegungen mit ihren Armen und ihren kurzen Schwertern ausführten. Auf ihren Häuptern hatten sie den Aufbau mit brennenden Kerzen getragen, wie auf dem obigen Acrylbild von Ronald Anderson zu sehen ist. Offenbar befanden sich diese Tänzer in einer anderen Phase der Zeremonie als auf dem Bild dargestellt…

Uns war zwar nur eine flüchtige Wahrnehmung des Geschehens im Vorbeifahren geblieben, doch dieser flüchtige Eindruck hatte es geschafft, uns mit einer weiteren Realität der Identitätsfindung zu konfrontieren!

Heftiger konnte ein Kontrast nicht erfahrbar werden:

Eben hatten wir die Kiowa Black Leggings Zeremonie verlassen, wo wir den gesamten Tag verbracht und dort ein durchorganisiertes Programm erlebt hatten mit mindestens 800 (oder mehr?) Teilnehmern, bzw. Zuschauern des Kiowa-Stammes. Diese konnten damit einander zusätzlich zu den gelebten Traditionen sich gegenseitig Identität geben.

Und nun das!

Ein kläglich kleines Grüppchen widersetzte sich da dem Vergessen! …

Interpretation: Renate Hugel

Ronald Anderson

Künstler Amerikanischer Ureinwohner –

Ronald Anderson, 2001: Während eines Gesprächs über Kunst

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Ronald Anderson habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 1, 13, 19, 25, 29, 34  und 42“geschrieben. Zusätzlich gibt es eine Erwähnung unter „Kunstbegegnungen – 16“ (dem Beitrag zur Gemeinschaftsarbeit „Blockbilder“).  

Anmerkung 2: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich in Teil 1 („Kunstbegegnungen – 1 bis 28“) auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann  zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“.

In Teil 2 (ab „Kunstbegegnungen – 29“) beziehen sich die Beiträge auf den Gegenbesuch in Oklahoma (USA)

Hinweis: (vom 24. 07. 2015):  Siehe auf HOME: „Anmerkung zu Ronald Anderson“

Renate Hugel

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.