Category Archives: Kunstbegegnungen von Renate Hugel

„Kunstbegegnungen – 34“

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Ronald Anderson (Künstler amerikanischer Ureinwohner):  “Die Autoskulptur

 (Skulptur aus zwei ca. 2 m hohen Holzpfählen, zwei ausrangierten Autos, Blech, sowie Schrauben (zur Befestigung der Metallteile an den HolzpfählenStandort: Oklahoma Basin)

Linkes Foto: Besuch bei der Autoskulptur;  Rechtes Foto: Nahaufnahme der Autoskulptur;

Aufnahmen: Von 2001

Die Autoskulptur

Irgendwann hatte uns Ronald Anderson (RA) zu diesem Feld gefahren, auf dem er bereits vor Jahren seine „Autoskulptur“ aufgestellt hatte.

Diese Skulptur wird an der rechten und linken Seite begrenzt durch je einen unbearbeiteten runden Holzpfahl in naturbelassener brauner Farbe. Dazwischen befindet sich direkt über dem Feldboden ein Autowrack in den Farben rot und blau. Die vordere Begrenzung des Autos (wo sich normalerweise die Scheinwerfer befinden), bildet die Standfläche auf dem Feldboden. Somit steht das Autowrack senkrecht zwischen den beiden ca. 2 m hohen Außenbegrenzungen und zwar so, dass der Betrachter direkt auf das Autodach blickt, wie auch auf die Frontscheibe mit angrenzender Motorhaube (darunter); und die obere Begrenzung bildet das Auto Heck.

Mit der gewählten Farbgebung teilt RA die oben beschriebene Draufsicht auf das Autowrack in eine linke (rote) und rechte (blaue) Seite. Oben, auf dem Heck hatte RA zwei Stahlstangen stabil montiert. An deren oberen Enden tragen diese Stangen eine dünne Metallscheibe.

In Zusammenhang mit dem beschriebenen Unterbau bildet die rund geformte Metallscheibe ein menschliches Gesicht, das RA auch als solches zeichnerisch angedeutet hatte. Die Metallzungen stehen somit für „Haar“. Auch die Stahlstangen werden dadurch als „Hals“ wahrgenommen; und das Auto Heck interpretiert der Betrachter nun als „Schultern“.

Die oben beschriebene Draufsicht auf das Auto verwandelt dieses Autowrack in einen menschlichen Körper: Dem Betrachter steht somit eine Person von imposanter Größe und Statur gegenüber!

Während die langen Holzpfähle rechts und links nach oben „weiterlaufen“, befindet sich über dem Metallzungen-Haar ein Zwischenraum, der den Blick freigibt auf das Dahinter: Auf dem Foto ist es das Blau des Himmels.

Dort, wo in etwa das letzte Viertel der ca. 2 m hohen Holzstämme beginnt, hatte RA ein weiteres Autowrack (jedoch von weißer Farbe) montiert, das bis zum oberen Ende der Holzstämme reicht.

Dieses Autowrack scheint gekürzt worden zu sein. Zusätzlich hat es Applikationen erhalten aus Blech und Stahlstangen. Rechts oben bestimmt ein aus Autoblech geformtes Bisonhorn die Wahrnehmung, denn an dieser Stelle wird die Symmetrie der Skulptur „gestört“. Darunter blickt der Betrachter in dunkle Bisonaugen, dargestellt durch die leeren Blechrahmen von Autoscheinwerfern. Und, schließlich da, wo sich das Maul eines Bisons befindet, ragt ein trapezförmiges Gebilde aus Stahlstangen dem Betrachter entgegen: Ein schwarzes Etwas befindet sich auf dem Autoblech, innerhalb der trapezförmigen Fläche platziert, und stellt offenbar die Zunge dieses Bisons dar.

In seiner weißen Farbe wirkt dieses kraftvolle Tier allerdings wie „nicht von dieser Welt“, das über allem „schwebt“.

Wenn man weiter zurück tritt, hat man – bei genügend Abstand – den Gesamteindruck dieser Autoskulptur vor sich:

Für mich erinnert dieses oben beschriebene Arrangement sehr an einen Totempfahl.

Im Folgenden will ich in meiner Interpretation meine obige Aussage begründen:

Totempfähle stellen ein Familien- oder Stammeszeichen dar, können aber auch Geschichten erzählen oder von wichtigen Ereignissen berichten mit Hilfe bedeutungsvoller Symbole. Diese sind von unten nach oben zu erfassen und zu deuten.

Genau auf diese Weise mache ich mich nun daran, der künstlerischen Aussage von Ronald Anderson auf die Spur zu kommen:

Dieser Totempfahl besteht aus zwei Elementen. Unten steht, absolut geerdet, eine menschliche Figur; mehr in himmlischen Sphären als auf der Erde befindet sich ein Bison mit nur einem Horn.

RA hat die Person mit einem Kopfschmuck versehen, womit klar ist, dass es sich um einen amerikanischen Ureinwohner handelt. Der Kopfschmuck verwandelt das Gesicht seines Trägers in ein Sonnengesicht. Dieses Sonnensymbol ist den Pueblo Ureinwohnern im Südwesten Amerikas zuzuordnen. Da es sich dabei nicht um die Stammeszugehörigkeit von RA handelt, verallgemeinert er damit seine Aussage.

Mit dem Problem, das er mit seinem Kunstwerk anspricht, müssen sich die amerikanischen Ureinwohner aller Stammeszugehörigkeiten auseinandersetzen:

Ein Totempfahl, der, gleich einem Wappen, für eine Familie oder gar für einen ganzen Stamm steht, trägt Symbole, die etwas mit der Weltanschauung und inneren Identifikation zu tun haben.

Von der Identität mit den eigenen Wurzeln sind heutzutage nur wenige Dinge mit spirituellem und / oder rituellem Hintergrund geblieben! Insofern steht dieser Kopfschmuck für Accessoires, die ihren spirituellen Hintergrund im gegenwärtigen Alltag jedoch verloren haben. Dafür hat der heutige Alltag (aus der Sicht von 2001) in unserer Zeit ein schwergewichtiges Symbol, das gleichzeitig mit einer inneren Identifikation mit diesem Gegenstand in Verbindung steht:

Das Auto!  

An die Stelle von inneren Überzeugungen und eines gelebten Weltbildes ist bei vielen Menschen (gleich welcher Nationalität) das Symbol „Auto“ getreten! Es erhöht das Selbstbewusstsein seines Besitzers, aber auch das ganzer Nationen – man kann sagen „fast überall auf der Welt“! Letztendlich waren einige der heutigen Ureinwohner Amerikas nicht verschont geblieben von dieser Identifikation mit einer „Aufwertung“ des eigenen Ich durch das Statussymbol Auto. Das einstige Weltbild der Vorfahren war ihnen genommen, entrissen worden. Eine innere Leere wollte gefüllt werden. (Ein psychologisches Problem, das allerdings bei vielen Menschen verschiedener Bevölkerungsgruppen vorkommt)…

Mit der Farbgebung des Körpers der dargestellten Person hatte RA eine vertikale Zweiteilung in Rot und Blau gewählt. Das Rot, etwas verblasst, bezieht sich für mich auf das einst tief leuchtende Rot, welches bei den Vorfahren der amerikanischen Ureinwohner für die spirituelle Kraft stand. Das von RA gewählte Blau symbolisiert für mich die Blutleere und damit die Welt der Gedanken, welche nicht mehr aus der persönlichen Erfahrung heraus entstehen. Vielmehr entspricht das ebenfalls erblasste Blau dem gegenwärtigen Alltagsbewusstsein, das in seiner Zerrissenheit der verschiedenen Tätigkeiten und Pflichten eines Tages die Gedanken oft kraftlos und flach werden lässt…

Irgendwie erscheint mir dieser dargestellte amerikanische Ureinwohner (in seiner Identifikation mit einstigen Symbolen der eigenen Herkunft, wie auch in seiner Identifikation mit einem Statussymbol unserer Tage) als ob er in eine Schablone gepresst worden ist. Dort gibt es kein Entkommen: Das Denken wird geleitet entlang der Denk-Schiene der Majorität.    

Doch über allem schwebt der Geist des so sehr verehrten Bisons.

Dieses einst total geerdete Krafttier erinnert daran, welche Muskelkraft und innere Energie er in der Vergangenheit verkörperte!  Dabei folgte er seinen eigenen Wegen und der eigenen Energie.

Für mich erinnert jener ein-hornige Bison daran, dass auch die amerikanischen Ureinwohner es nicht versäumen sollten, ihrer eigenen Kraft und Energie zu folgen.

Und das ist die Herausforderung unserer Tage, seinen Platz in der bestehenden amerikanischen Gesellschaft zu finden, und gleichzeitig die eigene Identität (gespeist aus den spärlichen Spuren der eigenen Vorfahren) in das eigene alltägliche Leben zu integrieren!  

Interpretation: Renate Hugel

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Ronald Anderson habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 1, 13, 19, 25, 29  und 34“geschrieben. Zusätzlich gibt es eine Erwähnung unter „Kunstbegegnungen – 16“ (dem Beitrag zur Gemeinschaftsarbeit „Blockbilder“).

Anmerkung 2: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich in Teil 1 („Kunstbegegnungen – 1 bis 28“) auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann  zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“.

In Teil 2 (ab „Kunstbegegnungen – 29“) beziehen sich die Beiträge auf den Gegenbesuch in Oklahoma (USA)

Hinweis: (vom 24. 07. 2015):  Siehe auf HOME: „Anmerkung zu Ronald Anderson“

Renate Hugel

„Kunstbegegnungen – 33“

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Willi Griephan: „Der Hütebaum“ – – –  Oder: „Who’s That Hat“ („Wer ist dieser Hut“) – – –  Foto: Willi Griephan  – – – – Gracemont, Oklahoma, 2001

„Der Hütebaum“

( Oder: „Who’s That Hat“,  Willi Griephan, Bremen, Deutschland)

Dieses Kunstwerk ist das Ergebnis einer spontanen Idee, welche Willi Griephan (WG) bei unserem Kauf von (hier in Oklahoma äußerst wichtigen) Sonnenhüten in den Sinn kam. Und das hatte bei ihm ebenso spontan zum Kauf von zusätzlich ca. zwanzig Strohhüten geführt.

Noch wussten wir anderen nicht, was er damit wollte…

Zurück in unserem „Atelier im Freien“* richtete sich WG erst einmal seinen Arbeitsplatz ein in einem unserer „Tipi-Ateliers“*. – Dort war WG für die kommende Zeit fortan malenderweise anzutreffen. Eine wichtige Rolle spielte dabei offenbar die Farbe ROT:  Alle naturfarbenen Strohhüte verwandelten sich im Laufe der Zeit in rote Objekte. – Die Hauptrolle sollte dabei jedoch letztendlich ein Baum spielen…

(*siehe dazu: „Kunstbegegnungen – 31“)

In der Tat hatte sich WG schließlich in der weiteren Umgebung einen Baum auserkoren, um ihn mit seinen Hüten zu bestücken.

Damit hatte sich dieser Baum in einen „Hingucker“ verwandelt! Positive Energien und Gefühle gingen bereits von der Farbe Rot aus, welche zwischen Baumstamm, Ästen und Laubwerk ihre Kraft erstrahlen lassen konnte. Die Tatsache, dass Hüte die Träger von Rot waren, mag Symbol dafür sein, dass sie als Beschützer des menschlichen Kopfes auch kraftvolle positive Gedanken erzeugen möchten.

Wie auf dem Foto zu sehen, erschienen diese roten Hüte im Lichte der gleißenden Sonne in einer wundervollen Transparenz und Leichtigkeit! Der Betrachter kann sich der Empfindung nicht erwehren, dass diese Hüte in ihrem ROT NICHT einengen oder gar Denkschranken errichten wollen! Vielmehr lassen sie die Gedanken beflügeln und ihnen den Weg in die hohen Sphären weisen…

Sehr bald stellte sich heraus, dass diese Baumskulptur noch einen weiteren Mitspieler bekommen sollte…

Die Kraft des Windes zeigte dann doch ihre Wirkung, rüttelte an den Ästen, Blättern und Hüten! Erstaunlicherweise hielten sie sehr lange jenen Kräften des Windes statt – zumindest die allermeisten Hüte.

Doch irgendwann sah man hier und da – abseits des Standortes des „Hütebaumes“ – entrissene Hüte, getragen von den Winden.

Während sie so über Feld, Wiesen, Wege oder Straßen vom Winde getragen wurden, war der Wind damit der Überbringer von freundlichen Grüßen an die Bewohner geworden…

Eine nette Geste auch an die Bevölkerung, die WG damit gelungen war!

Die Frage „Who’s That Hat?“ war der erste spontane Titel, den Willi Griephan seiner Baumskulptur „Hütebaum“ 2001 gegeben hatte. Darauf möchte ich nun antworten:

„Es ist der gute wohl gesonnene Geist, der positiv in dieser Welt verwirklicht werden möchte!“

Interpretation: Renate Hugel

Es folgt eine Darstellung von Willi Griephan selbst – zu seiner Person, Motivation und Gestaltungsabsicht, die zum „Hütebaum“ geführt hatte:

 Ich kam nach Oklahoma mehr als Beziehungsanhang denn als beteiligter Künstler, bin von der Ausbildung und Selbstverständnis Ingenieur, aber ein neugieriger und aufgeweckter Zeitgenosse. Da ich keine Materialien, Werkzeuge oder Ideen zu dem ‚Atelier im Freien‘ mitgenommen habe, musste ich mich erst einmal umgucken. Es war ein trockener Landstrich in dem wir gelandet waren, auf rotbrauner Erde wuchsen Gebüsch und kleine Bäume, die einzelnen Farmen waren mit Weiden umgeben aber ziemlich weit voneinander entfernt. Pferde und Rinder waren zu sehen, aber auch Lamas standen auf den Weiden, die eigentlich ein paar tausend Kilometer weiter südlich hin gehörten. Die Farmer dieses Landstrichs schienen etwas seltsame Hobbys zu pflegen, um Kontrapunkte gegen die öde Gegend zu setzen.

Ich musste eine Idee aus dem Land gewinnen, aber was sollte ich mit rotbrauner Erde und schütterem grünen Bewuchs anfangen?

Einziger bemerkenswerter Blickpunkt war ein Mimosen Baum, hoch, knorrig mit schütteren, hellgrünen, feingliedrigen Blättern. Mit dem wollte ich etwas anfangen. Irgendwas Skurriles, das zu diesem Landstrich und seinen Bewohnern passte. Irgendwas Belebendes, das diese Öde aufmischte.

Das löste sich irgendwie in einem Supermarkt auf. Drei Frauen aus unserer Gruppe kauften Sonnenhüte geflochten aus Stroh. Sinnvoll beim vorherrschenden Wetter und billig, weil es Sommer-Schlussverkauf war. Solche Strohhüte konnte ich in den Baum hängen. Sie können Menschen darstellen, oder besser nur Köpfe und waren ein schöner Gegensatz zu dem naturhaften Baum: rund, elegant geschwungen. Nur die Farbe passte noch nicht. Die Farbe des Strohs war zu natur-nah. Aber die Farbe ließ sich leicht ändern. Ich brauchte eine Gegenfarbe zum Hellgrün der Blätter. So kam ich zu der roten Bonbonfarbe der Hüte.

Die Hüte wollte ich in den Baum hineinhängen. Ich versuchte sie mit einem Bindfaden von den oberen Ästen herunterhängen zu lassen. Das wirkte wie Laternen, die im Wind schaukelten. Wie Kinderbelustigung, wie Pillepalle. Die Hüte brauchten einen festen Platz im Baum. Ich suchte festen Draht im Haus, im Schuppen, in der Umgebung. Es war nichts zu finden. Ich durchstreifte die weitere Umgebung und fand nichts außer Weidenzweigen. Sie waren biegsam und fest zugleich.

So entstand die Skulptur und ich war zufrieden. Sie war  assoziationsfähig. Es konnten Baumgeister sein, die sich diesen besonderen Baum ausgesucht hatten. Es konnte aber auch nur ein Spiel Naturform gegen Kulturform mit ihren unterschiedlichen Farben sein. Da darf sich der Betrachter entscheiden.

Willi Griephan

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Willi Griephan habe ich unter „Kunstbegegnungen“ den Beitrag „Kunstbegegnungen – 33“  geschrieben.

Anmerkung 2: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich in Teil 1 („Kunstbegegnungen – 1 bis 28“) auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann  zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“. – In Teil 2 (ab „Kunstbegegnungen – 29“) beziehen sich die Beiträge auf den Gegenbesuch in Oklahoma (USA) – – – Renate Hugel

„Kunstbegegnungen – 32“

„www.communication“Oder: „Verschlüsselte Botschaften“

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Heinz Hugel: „www.communication“ – Oder: „Verschlüsselte Botschaften“ – – – Zwei Blechtafeln (einstige Zimmerdecken-Vertäfelung mit den Ausmaßen von je ca. 60 cm x 120 cm); Collage von Schoten des Johannisbrotbaumes, entsprechend der Anordnung der ausgetriebenen Metall-Dekor-Elementflächen – Foto: Jule Kaiser

„www.communication“ – Oder: „Verschlüsselte Botschaften“

Beschreibung des äußeren Erscheinungsbildes des Kunstwerks:

Das Kunstwerk „www.communication“ wurde von Heinz Hugel (hh) erstellt. Es besteht aus zwei Teilen, die er als Paar präsentiert hatte. Die beiden Grundelemente haben je die Ausmaße von ca. 60 cm x 120 cm und bestehen aus Metallplatten. Diese hatte hh in dem Chaos des großen Innenraumes der Galerie und des Ateliers „Heaven“ (siehe dazu „Kunstbegegnungen – 31“) gefunden und als „sein Ausgangsmaterial“ entdeckt, welches ursprünglich ein Teil der einstigen Zimmerdecken-Vertäfelung gewesen war.

Zunächst fällt auf, dass die linke Metall-Platte von hellerer Farbe geprägt ist. Die rechte Platte hingegen war wohl bereits während sehr langer Zeit eindringender Feuchtigkeit ausgeliefert gewesen, was an der intensiven Färbung durch Rost zu erkennen ist. Beide Platten waren einst dekorativ gestaltet worden mit waagerechten Reihen, bzw. senkrechten Säulen von ovalen Elementen, entstanden durch Austreiben des Metalls.

Nachdem hh die Metall-Platten gereinigt und behandelt hatte, brachte er weitere Fundstücke ins Spiel: Auf dem Grundstück von Ronald Anderson standen u.a. auch Johannisbrotbäume. Teilweise waren ganze Areale von Johannisbrotbaum-Schoten bedeckt. Die Johannisbrotbaum-Schoten sind ziemlich groß (ca. 15 cm) und äußerst hart!

Auch diese hatten hh inspiriert und dazu motiviert, sie haufenweise aufzusammeln.

Irgendwann war beides zusammengekommen: Alle ausgetriebenen Metall-Dekore der beiden Metall-Platten hatte Heinz Hugel mit einer Johannisbrotbaum-Schote versehen und diese aufgeklebt. Entstanden waren Reihungen…

Wenn man die Schoten – Reihungen auf der linken Platte betrachtet, stellt man fest, dass dort die hell- oder dunkelbraunen Schoten verklebt worden waren – also die, in der natürlichen Farbe der Johannisbrotbaum – Schoten.

Auf der rechten Platte hingegen fallen sofort vorwiegend weiß eingefärbte Schoten auf; sogar je eine rot und schwarz gefärbte Schote ist auszumachen zwischen etlichen durchaus in natürlicher Farbe belassenen.

Noch etwas ist anders als auf der linken Seite!

Es fällt nicht unbedingt sofort auf, doch irgendwann stolpert der Blick unweigerlich über Steine, welche wie Platzhalter auf etlichen Feldern verklebt worden waren – anstelle von Schoten.

Interpretation von „www.communication“:

Der erste Eindruck mag sein, bei dieser Anordnung die Assoziation einer Ordnung zur Systematisierung zu haben, so, wie sie frühere Biologen – z. B. zum Verständnis von Familien, Arten oder Unterarten von „Natur“ – im weitesten Sinne – erstellt hatten.

Meine Überlegungen zu „Kommunikation“ beziehen sich zunächst auf die Begegnung von technisch Gefertigtem (einstige Zimmerdecken-Vertäfelung) – vor allem dem „Plan“ dahinter – mit dem von der Natur Hervorgebrachten (den Johannisbrotbaum-Schoten).

Die große Energie gepaart mit unbändigem Willen zum Leben, das ist „das Kapital der Natur“ – symbolisiert durch die Schoten! Die „Ordnung durch Anordnung“ ist Symbol für das Einengen spontaner innerer Energie in ein Ordnungssystem und stellt gleichzeitig „das Vorgehen des menschlichen Geistes“ dar.

Diese zwei Gegensätze sind auf der ehemaligen Zimmerdecken-Vertäfelung vereint!

Beim Betrachten der abstrakten Reihungen dieser Schoten ersteht in mir folgende Vorstellung: Jede einzelne Schote birgt in sich mehrfach die biologischen Informationen dafür, dass je ein neuer Johannisbrotbaum erstehen kann! Die Speicherung von Informationen zur Entstehung von Leben nach einem vorgegebenen Plan ist das Vorgehen der gesamten Natur – und die Johannisbrotbaum-Schote ist hier durchaus exemplarisch für alle übrigen ursprünglichen Lebensformen zu sehen.

Dieser innere Plan steht im Gegensatz zu dem äußeren Vorgehen, den verborgenen Geheimnissen von Natur auf die Spur zu kommen. Eine auf beiden Seiten besondere Form von Kommunikation mit der Zukunft!

Mit dieser Aussage meine ich vor allem die linke Platte des Gesamtkunstwerkes, auf der die Schoten in ihrer natürlichen Farbe aufgeklebt worden waren.

Auf der rechten Seite fällt sofort auf, dass die meisten Schoten dort farbig erscheinen: Etliche Schoten tragen eine weiße Farbe. Um zu entdecken, dass es je eine farbige Schote in rot und schwarz gibt, braucht es eine Weile.

Heinz Hugel sagt dazu, dass diese Farben die amerikanische Gesellschaft symbolisieren sollen. Die Farbe Weiß steht für die weiße Bevölkerung, das Rot für die amerikanischen Ureinwohner, das Schwarz für die Afro-Amerikaner.

Die Farben stehen für Menschen und drücken die „gefühlte Präsenz in der Wahrnehmung“ innerhalb der gesamten amerikanischen Gesellschaft aus.  

Die beinahe uneingeschränkte Präsenz von Weiß auf der rechten Platte kann nicht übersehen werden. – Es besteht dort ein Konsens von Akzeptanz.

Im Sinne dieser Akzeptanz fühlen sich Rot und Schwarz so gut wie gar nicht wahrgenommen von der Gesamtheit Amerikas …

Mit diesem rechten Teil seines Kunstwerkes hatte hh „unmittelbar“ auf das vorherrschende Lebensgefühl hier in Oklahoma reagiert, welches sich uns Gästen vermittelte.

Im Zusammenhang mit unserem Projekt (Begegnung von Kunst und Künstlern amerikanischer Ureinwohner und europäischer Künstler) beziehe ich mich in meinen folgenden Ausführungen auf die Farbe Rot.

Oben links auf diesem rechten Teil des „Platten-Paares“ sind nicht Schoten (die für Menschen stehen), sondern Steine zu sehen. Dort, an dieser Position des ANFANGS, herrscht die Ödnis einer Steinwüste. Und am Anfang gab es ja auf diesem Kontinent ausschließlich die Ureinwohner. Darin sehe ich daher ein Sinnbild dafür:

Die biologischen Datenbanken der amerikanischen Ureinwohner hatten einen vernichtenden Eingriff erfahren. Der massive Verlust des „biologischen Gedächtnisses“ bedingt einen gravierenden Verlust im Bereich des sozialen Gedächtnisses, wie Weitergabe von Sprache (= Kommunikation), sozialem gewachsenen Gefüge, Ritualen, Handwerk oder Kunsthandwerk etc.…

Genau diese zumeist nicht aufgearbeitete Vergangenheit der amerikanischen Ureinwohner bestimmen heutzutage ihre Selbstwahrnehmung, Lebensgefühl, wie auch die Art der Kommunikation u. a. – …

Heinz Hugel hat allerdings noch eine weitere Sichtweise ins Spiel gebracht. Mit dem von ihm gewählten Titel „www.communication“ deutet er den Aspekt von Kommunikation an, der inzwischen „angekommen“ war in der Realität der Bevölkerung:

Die Art und Weise von Kommunikation hatte sich im Laufe der Jahre (vor und bis 2001) weltweit einem großen Wandel unterzogen durch die immer präsenter werdenden neuen Kommunikationsmöglichkeiten mit Handy und, oder Internet. Die Reihungen mögen im weitesten Sinne als Datenreihen des Binärsystems gesehen werden, das hinter dieser neuen Technik steht. Eine neue „Sprache“, die der Wirklichkeit ein „zweites Gesicht“ gibt. – Oder soll ich sagen „ein zig-faches Gesicht“?…

Hier in Oklahoma war es allen enorm wichtig gewesen, in dieser Hinsicht auf dem aktuellen Stand der Technik und Kommunikationsform zu sein – so wie wir es gespürt und erlebt hatten! Möglichst allen Bewohnern der Region sollte ein Zugang zur Nutzung der „neuen Medien“ geboten werden. Unsere Gastgeber waren natürlich bereits alle sehr fit im Umgang mit den „neuen Medien“ zur Kommunikation.

Jener Hinweis auf den „Wandel“ „von der weltweit möglichen Kommunikation per Internet, bzw. Handy“ entspricht einer Momentaufnahme von 2001 – was wir für unseren heutigen Stand dieser Entwicklung auch behaupten können! – – –  – „www.communication“!

                 Interpretation: Renate Hugel

Fotos, die während des Entstehungsprozesses von   „www.communication“ entstanden sind:

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Heinz Hugel bei der Planung von „www.comunication“

Auf dem Foto unten sind diese beiden Vertäfelungs-Platten zu sehen, so, wie sie aus dem „Heaven“ herausgeschafft worden waren:

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Heinz Hugel betrachtet die beiden ausgewählten Metallplatten und überlegt sein Konzept für die Erstellung seines Kunstwerkes.

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Heinz Hugel (links im Bild) beim Säubern und Streichen der Metallplatten. Rechts im Bild arbeitet Ronald Anderson an seinem künstlerischen Vorhaben. – – –  Renate Hugel

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Heinz Hugel habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 7, 15, 21 und 32“ geschrieben. Zusätzlich gibt es eine Erwähnung unter „Kunstbegegnungen – 16“ (dem Beitrag zur Gemeinschaftsarbeit „Blockbilder“).

Anmerkung 2: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich in Teil 1 („Kunstbegegnungen – 1 bis 28“) auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“. – In Teil 2 (ab „Kunstbegegnungen – 29“) beziehen sich die Beiträge auf den Gegenbesuch in Oklahoma (USA) – – – Renate Hugel

Kurzbiographie:

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heinz hugel

1936: Heinz Hugel wurde in Bremen geboren.

1976, seit: Tätigkeit im künstlerischen Bereich, u.a. in der Erwachsenenbildung

1981, ab: Freischaffender Künstler

1982: Gründung einer Galerie

1990: Beitritt zur Künstlergruppe „Der Bogen“

1992: Gründungsmitglied der Gruppe „Quintum“ (Vereinigung internationaler Künstler)

2000: Symposium „Begegnung von Künstlern der Ureinwohner Amerika und Künstlern aus Deutschland (in einem Fall aus Bulgarien) (Mitorganisation)

2001: Studienreise nach Oklahoma / USA („Gegenbesuch“),

Erweiterung der Gruppe „Quintum“ in „Quintum international“

2002: Zertifikat der Hochschule Bremen – Studium bei Professor Uwe Mempel, Schwerpunkt „Kunstpraxis“ – „Experimentelle Keramik“

2007: Mitglied der Gruppe „Kunst in der Provinz“

2009: Mitglied der Gruppe Art – Projekt

2013, ab: Rückzug wegen gesundheitlicher Probleme

Ausstellungen oder Ausstellungsbeteiligungen: (Auswahl)

Bremen, Borgholzhausen, Herford, Hamburg, Kiel, Kleestadt, Großumstadt, Langenargen (Bodensee), Loidved (Dänemark), München, New York, (USA), Oklahoma (USA), Rose State College (Oklahoma City, USA), Tribes Gallery (Norman, USA), Heaven, Internationale Ausst.: „German and Anadarko Basin Artists” (Gracemont, USA), Siklos (Ungarn), Tekomatorp (Schweden), Tournus (Frankreich), Zwolle (Niederlande)

Div. Ausstellungen in Niedersachsen (Deutschland): Bassum, Bruchhausen – Vilsen: Klostermühle Heiligenberg, Delmenhorst, Diepholz, Kirchdorf, Lemwerder, Oldendorf, Osterholz-Scharmbeck, Rotenburg, Wümme, Schneesen, Sulingen, Syke, Wagenfeld, Weertzen, Weyhe, Wildeshausen, Worpswede – – – Heinz Hugel

„Kunstbegegnungen – 31“

– „Unsere Ateliers“

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„Im Heaven“: („Im Himmel“); Foto: Atelier und Galerie “Heaven“,  Gracemont, Oklahoma

Im Heaven

 Im hiesigen Gebiet von Oklahoma hatten wir uns mitten im Reservat befunden.

Der kleine Ort Gracemont (in Oklahoma) hat einen Ortskern mit zwei Kirchen, einer Schule, einem Postamt und einem Sherif. Der äußere Ring um Gracemont besteht aus Feldern oder Natur. Dort gibt es vereinzelt (aber sehr weit verstreut) Wohnhäuser, die dennoch zu Gracemont gehören.

Hier im Zentrum lag das Ziel, zu dem wir (von diesem äußeren Ring kommend) gebracht werden sollten: An einer kleinen Straße war das Auto geparkt worden. Und wir blickten auf die Häuserreihe, die auf dem Foto oben zu sehen ist.

Das Haus vorne rechts im Bild fällt auf durch seine attraktive Fassade:  Mit Dekor geprägtes Metall in silbernem Glanz schließt die Frontwand ab mit einer integrierten Regenrinne vor dem Flachdach. Der untere Teil der Wand war einst grün verfliest worden, während die untersten ca. 50 cm in rot-brauner Farbe erscheinen. Zu sehen ist auch die schwarze Sonnenschutz-Plane.

Wir erfuhren, dass Carol Whitney vor kurzem dieses Haus gekauft hatte.

Sie hatte sich „ihren wahrscheinlich seit langem gehegten Wunsch“ erfüllt, ein eigenes Atelier und eine eigene Galerie zu haben!

Hinter dieser opulenten und „aufgeräumten“ Fassade fanden wir uns inmitten eines maßlosen Chaos von verschiedensten Dingen wieder: Stuhl, Sessel, Tisch, Gebrauchsgegenstände aller Art türmten sich übereinander, waren dabei so verstreut, dass sie den großen Innenraum auf diese Weise ausfüllten. Über allem Chaos hingen gespenstisch zwei riesige Metallplatten von der Decke bis zum Boden herab. Es hatte sich dabei um einstige Deckenvertäfelungen gehandelt, die sich bereits aus ihrer Befestigung teilweise gelöst hatten.

Über dieses „Interieur“ waren wir sehr verwundert, weil wir damit nicht gerechnet hatten.

Doch, was erzählte dieses Haus?

Die Antwort:

Jene Häuser von Gracemont waren in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts fluchtartig verlassen worden, als der große Finanz-Crash sich ereignet hatte! – Die Schicksale, die sich hinter den zurückgelassenen Dingen und der verlassenen Bleibe verbargen, drangen in ihrer traurigen Ausstrahlung in uns, ohne uns Details zu verraten!

Nachdem wir das Chaos ausreichend „bewundert“ hatten, waren wir zu einer Wand geführt worden, an der ein großes Blatt Papier befestigt worden war. Die Überschrift in deutscher Sprache („Der Stundenplan“) konnten wir gar nicht übersehen:

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Die senkrecht angeordnete Zahlenreihe links stand für die Anzahl der Tage unseres Aufenthalts, während all die beschriebenen Punkte sich auf bestimmte Tage bezogen hatten. Es erwartete uns also ein riesiges Programm!

„Der Stundenplan“ war ein verschmitzter Hinweis auf unsere Arbeitsweise und Planung – wie sie unsere Gäste bei uns in Bremen (Deutschland) empfunden hatten – zwar ohne Ankündigung mit einem Plakat…

Genau wie bei uns im vorigen Jahr (in Bremen) sollte es auch in Oklahoma zum Ende unseres Zusammentreffens drei Ausstellungen geben. Und dieses neu erworbene Haus war für einen der drei Ausstellungsorte vorgesehen.

Denn, hier in Oklahoma wollten unsere Gastgeber „die rote Erde vor uns ausbreiten“! – Und uns dabei mit der „Indian Time“ („indianischen Zeit“) – wie sie es nanntenvertraut machen.

Zum Arbeiten konnten wir uns hier alle einen Platz „freischaufeln“. Das war kein Problem. Der Hauskauf war ja so neu gewesen, dass für eine Innengestaltung noch keine Zeit gewesen war.

Carol Whitney hatte ihrer Galerie den Namen „Heaven“ („Himmel“) gegeben!

 Dieser riesige Innenraum, geprägt von den traurigen Zeitzeugen (den hinterlassenen Gegenständen), sollte nun „der Himmel“ werden!

Mit dieser Namensgebung hatte Carol Whitney eine große „Sehnsuchtswolke“ zum Ausdruck gebracht, wie ich meine:

Dort, wo Künstler Zusammentreffen, erhöhen sich Kreativität, Selbstausdruck und positive Gestimmtheit zu allen Menschen.

Eine Welle von hoch-frequentierenden Schwingungen entsteht so und erfüllt den Raum! – Diesen Zustand der Glückseligkeit hatten wir alle empfunden in der Gemeinschaft!

 Wir waren tatsächlich mitten drin in dieser sehnsuchtsvollen Wolke!

Mit ihrer enormen Energie und Tatkraft, die  Carol Whitney ausstrahlte, steckte sie alle an! Im Laufe der Zeit hatte es immer mal wieder eine Gelegenheit dazu gegeben, aus dem vorgefundenen Chaos einen Galerie-Innenraum mit reichlich Freiraum zu erschaffen!

„Das Atelier im Freien“

Des Weiteren gab es noch das „Atelier im Freien“. Auf dem obersten Foto (unten) ist der Torso einer Schaufensterpuppe vor den roten Klinkern einer Hauswand zu sehen. Dabei handelt es sich um die Hauswand des Gebäudes, in dem wir, die Gäste, wohnen konnten – so, wie wir es ähnlich in Bremen und Rotenburg (Deutschland) im Jahr davor auch organisiert hatten.

Dieser Torso hatte dem zum Haus gehörenden Grundstück gleich die Atmosphäre eines „Ateliers“ gegeben!

Auf dem Foto darunter sieht man Ronald Anderson (mit Hut) zusammen mit Heinz Hugel beim Erstellen eines Keilrahmens.

Hier hatten wir alle die Möglichkeit zum spontanen Arbeiten, ohne auf eine Autofahrt angewiesen zu sein.

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Fotos oben: „Das Atelier im Freien“,  Gracemont, Oklahoma

„Die Atelier-Tipis“

Zum Aufbau von drei Tipis waren gekommen: Sherman Chaddlesone und seine Frau Adeline (Allie), Sherman Chaddlesone’s Schwester, sowie sein Freund Marc (der ebenfalls Künstler ist). Ronald Anderson war sowieso täglich bei uns, wie es auch bei Carol Whitney der Fall war.

Die folgenden zwei Aufnahmen zeigen zwei Etappen währen des Tipi-Aufbaus. Auf den Fotos danach kann die nun entstandene neue Atmosphäre nachempfunden werden…

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Die Atelier-Tipis  . . . Fotos: Zwei Aufbau-Situationen (oben); Arbeitsatmosphäre mit den Tipis (darunter),  Gracemont, Oklahoma . . . Renate Hugel

Anmerkung: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich in Teil 1 („Kunstbegegnungen – 1 bis 28“) auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann  zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“.

In Teil 2 (ab „Kunstbegegnungen – 29“) beziehen sich die Beiträge auf den Gegenbesuch in Oklahoma (USA) . . . Renate Hugel

„Kunstbegegnungen – 30“

Carol Whitney

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Carol Whitney, Amerikanerin: “Energievolles Tagwerk”, 

Dreidimensionales Wandbild: Gewebter Wandteppich, Keramik, Federn, Schnur, ca. 80 cm x 90 cm; (Entstehungsjahr ist mir nicht bekannt)

Leben zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang

Das dreidimensionale Wandbild “Energievolles Tagwerk” besteht aus einem gewebten Wandteppich, vor dem eine amerikanische Ureinwanderin aus Keramik, zusammen mit ihrer persönlichen Umgebung (ebenfalls aus Keramik) montiert worden ist.

Dieser Wandteppich wurde aus Wolle gewebt. Dafür waren im Prinzip zwei Farbtöne verwendet worden: Orange (in Farbabstufungen) und Dunkelblau. Diese Farben teilen den Wandteppich in eine obere (orangefarbene) und untere (dunkelblaue) Hälfte.

Die Farbabstufungen im Orange bilden zunächst einen oberen Streifen (von links nach rechts) in hellem Orange. Es schließt sich ein breiter Streifen in dunklerem Orange an. Innerhalb dieses breiten Streifens verdunkelt sich das Orange zur rechten Teppichseite hin immer mehr. Am unteren Rand dieses breiten Streifens gibt es dann eine noch dunklere Orange-Spur, welche von links nach rechts in verschiedenen Helligkeits-Stufen verläuft. Eine dünne Web-Spur  schließt den breiten Streifen nun ab mit einem bereits ins Braun mutiertem Orange. Diese Düsternis wird gleich darunter aufgehellt mit einem schmalen Leuchten in Pink.

Auf der oben beschriebenen Wandteppich-Fläche in Orange-Tönen befindet sich auf der linken Seite eine kreisrunde Scheibe, aus Keramik gearbeitet. Auf dieser Scheibe sind Zeichen zu erkennen, die offenbar wichtige Informationen enthalten.

Das Orange bildet in Zusammenhang mit der runden Scheibe die Assoziation „Sonne, die den Himmel gerade färbt“. Die Zeichen auf der Scheibe deuten darauf hin, dass Gesetzmäßigkeiten (die den Gang der Sonne betreffen) bedeutsam und wichtig gewesen waren.

Der einfarbige große Farbblock in Dunkelblau kann interpretiert werden als Nachthimmel, was – zusammen mit dem Farbblock in Orange-Tönen – für mich den Rhythmus von Tag und Nacht symbolisiert.

Gleichzeitig kann mit dem Dunkelblau auch das Wasser (z. B. Meer) gemeint sein als Garant für eine Versorgung mit Nahrung.

Soweit die Beschreibung des real Sichtbaren.

Meine Gedanken dazu sind Folgende:

Die Kraft der Morgenröte taucht die Welt in ein Rosarot voller Wärme… Dort, im Kraftfeld dieses morgendlichen Naturschauspiels sammelt die in Keramik dargestellte „energievolle Frau“ ihre Kraft.

Auch hat sie ihre Federn in ihr Haar geflochten. Sie (die Federn) lassen ihre Gedanken sich öffnen für die Weite, welche der Wind nutzt. Diese Weite hält ihren Geist offen, so dass sie sowohl groß und ebenso klein denken kann! Aber auch: überblickend, grob strukturiert und ebenso fein, ins Detail gehend oder auch verspielt und dann wieder entschlossen!

Das eröffnet ihr eine breite Palette des Handelns! Dennoch bleibt sie verbunden mit den Traditionen, was die Verbundenheit mit dem Weltbild gewährleistet – wie hinter ihr dargestellt!

In diesem Gemütszustand, gepaart mit ihrer Geisteshaltung, macht die “energievolle Frau“ sich an ihr Tagwerk! Ich blicke auf das, was ihre Umgebung wiederspiegelt: Dort vermeine ich Fische zu erkennen, die somit eine Rolle spielen. Sie fängt sie vielleicht nicht selbst, sorgt sich jedoch um die tägliche Nahrung. Auch Muscheln kann ich in der keramischen Umgebung erkennen. Sie sammelt diese, wie auch besondere Steine für feine Arbeiten, wie die Verzierung von Kleidung und von Schmuck. Direkt neben ihr liegt ein zusammen gefaltetes Stück Stoff (in Keramik dargestellt). Bis zum Sonnenuntergang mag sie sich schließlich dem Erstellen von Stoffen, dem Weben gewidmet haben.

In dieser ihrer Welt ist sie, die „energievolle Frau“, die Lenkerin ihres Tuns und hält „die Zügel“ in der Hand!

Das hat Carol Whitney mit ihrem Kunstwerk dargestellt.

Und, weil alles „Tun“ der „energievollen Frau“ sich innerhalb der übergeordneten „Naturgesetze“ bewegt, bewahrt sie sich ihre Kraft: 

Am Ende des Tages übernimmt die Nacht die Präsenz. Und sie, die „energievolle Frau“, ordnet sich auch diesem Rhythmus der Natur unter. Nachdem sie während des Tages – im Schutze der Sonne – ihr Tagwerk vollbracht hatte, war sie selbst Teil des Naturgeschehens mit seinen eigenen Gesetzen geworden: „Alles Tun“ hatte seine eigene Zeit und Aufmerksamkeit erhalten. Damit hatte sie die Garantie, dass sie während des Tages nur so viel Kraft verloren hatte, wie sie in der Nacht regenerieren kann! Auch hatte sie, die „Energievolle“ ihren Geist geschult, indem sie „jedem Tun“ jeweils seine eigene Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet hatte: Mit der so gewonnenen Kraft ihrer Gedanken lässt die sie den Tag an ihrem inneren Auge vorbeiziehen. Dabei ordnen sich ihre Gedankengänge, Handlungen und Gefühle des Tages. Genau das verleiht ihr „Rückgrat“. Und das hat für mich damit zu tun, dass sie auch während des Tages bei all ihrem Tun immer bei sich selbst gewesen ist – selbstbestimmt und im Rhythmus der Natur (auch der eigenen)!  . . .   

Völlig regeneriert nimmt die Kraftvolle mit Beginn des Sonnenaufgangs ihr „energievolles Tagwerk“ aufs Neue auf…     Interpretation: Renate Hugel

Zur Person von Carol Whitney  (Amerikanerin)

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Carol Whitney hatten wir gleich nach unserer Ankunft kennengelernt. Sie ist Amerikanerin und widmet sich bereits seit sehr langer Zeit der Kunst. Ihre eigene Kunst entwickelte sie ständig energievoll weiter mit dem Ziel, ihre persönliche Aussage überzeugend zu finden. Ich sehe dieses, ihr Bestreben in ihren Werken einer jeden Phase als erreicht an (doch dazu an späterer Stelle).

Darüber hinaus setzt sie sich  sehr engagiert für die Belange der amerikanischen Ureinwohner ein und wird auch von diesen akzeptiert.

Ich gebe nun das Wort weiter an Carol Whitney selbst:

Carol Whitney (Amerikanerin) stellt sich selbst vor mit diesen Worten:

 Carol Whitney’s Künstler-Statement:  “Mein Leben – geprägt vom Indianischen”:

“Seit den letzten 40 Jahren ist meine Kunst unmittelbar mit der Kunst der einheimischen Indianer in Oklahoma, wie auch der der Bewohner unserer felsigen Umgebung, den Southern Plains (Südlichen Ebenen), verbunden.

Seit 1972 drücke ich meine Erfahrungen mit dieser einmaligen Welt aus durch Skulptur, Malerei, Dichtung (Poesie), Keramik…“  (Zitat: Carol Whitney, 2009)      Renate Hugel

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Carol Whitney habe ich unter „Kunstbegegnungen“ den Beitrag „Kunstbegegnungen – 30“ geschrieben.

Anmerkung 2: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich in Teil 1 („Kunstbegegnungen – 1 bis 28“) auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann  zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“. . . In Teil 2 (ab „Kunstbegegnungen – 29“) beziehen sich die Beiträge auf den Gegenbesuch in Oklahoma (USA) – – – Renate Hugel

„Kunstbegegnungen – 29“

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Ronald Anderson: “Welcome” oder „God Bless America“

(„Willkommen“ oder „Gott segne Amerika“) – – – (Skulptur aus Holz, Stoff, Blech, sowie der amerikanischen Fahne) 2001

Die Begrüßung

Diese Skulptur war das, was uns am Tag nach unserer Ankunft in Gracemont, Oklahoma Becken, direkt begegnet war:

Unser erster „Ausflug“ hatte uns direkt zu jenen relativ weit weg gelegenen Feldern geführt (welche aber immer noch weit entfernt waren vom nächsten Haus). Dort, in dieser (für uns gefühlten) Einsamkeit winkte uns aus der Ferne „ein bodenständiger Riese“ begeistert zu im Wind – und schien uns „Hallo“ zuzurufen.

Das war die Skulptur „Welcome“, die Ronald Anderson (R.A.) extra zu unserer Begrüßung erstellt hatte!

Gefertigt war die riesige Figur aus unbearbeiteten (nicht ganz so dicken) Holzstämmen. Ein Stofftuch hatte R.A. um die Mitte dieser Holzstämme gebunden, was die Stämme in „Beine“ und „Oberkörper“ eingeteilt hatte. Über dem „Oberkörper“ hatte er einen Querbalken befestigt, der an dieser Stelle innerhalb dieses Gefüges die „Schultern“ darstellt. Mittig auf diesem Querbalken hatte R.A. verschiedene Blechteile gesetzt, die „Hals“ und „Kopf, bzw. Gesicht“ symbolisieren. Umrahmt hatte R.A. das Gesicht mit „Blechzungen“, an denen er Bänder befestigt hatte. Sie flatterten im Wind und spielten ihre Rolle als „Haar“ richtig gut!

Auf der rechten Seite des fröhlichen Riesens reicht der senkrecht gesetzte Holzstamm über die Kopflinie hinaus. Damit bildet diese senkrechte Verlängerung den „Arm“, der die schräg angebrachte „Stange“ stützt, die „zweiter Arm und Fahnenstange“ in eins zu sein scheint – auf der linken Seite der Skulptur. Auch die Fahne an dieser “Stange“ flatterte – wie die „Haare“ – schwungvoll im Wind!

Ebenfalls im Wind standen wir da in der Hitze des Tages und im gleißenden Licht der kräftig scheinenden Sonne! Und wir erfreuten uns über diese wundervolle Begrüßung, die gleichzeitig Vorbeifahrenden davon künden sollte, dass „Künstler aus Deutschland“ hier im entlegenen Oklahoma Bassin zu Besuch gekommen waren!

Damit hatte uns diese Skulptur eine gewisse „Präsenz“ hier im Oklahoma Becken verliehen. Doch später kam es uns vor, als ob alle sowieso Bescheid zu wissen schienen über unsere Ankunft…

Für diesen traumhaften Empfang hatte es jedoch eine Eintrübung gegeben!

Wir waren wenige Wochen nach dem 11. September 2001 hier angekommen. Ganz Amerika hatte noch unter Schock gestanden.

Die Reaktion von Ronald Anderson war die gewesen, dass er kurzerhand seinem Fahne schwingenden „Kumpel“ einen weiteren Titel gab. Dieser lautet – bis heute – „God Bless America“ (Gott segne Amerika)!    Interpretation: Renate Hugel

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Ronald Anderson habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 1, 13, 19, 25, und 29“  geschrieben. Zusätzlich gibt es eine Erwähnung unter „Kunstbegegnungen – 16“ (dem Beitrag zur Gemeinschaftsarbeit „Blockbilder“).

Anmerkung 2: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann  zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“.                 Renate Hugel

„Kunstbegegnungen – 28“

Ronald Anderson – Künstler amerikanischer Ureinwohner

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Ronald Anderson:  “Stühle – Baum” oder „Muttertag“  – – – Baumskulptur: Baum, Stühle, Befestigungsmaterial – – – Standort des Baumes: Oklahoma (USA)

Der Stühle – Baum

Damals, im Sommer 2000, war in Bremen „An der Schlachte“ (entlang der Weser im Innenstadtbereich) eine Installation zu sehen: Auf jedem der „Dalben“ (baumdicke Anlegerpfosten aus Holz) war ein gelber Stuhl befestigt worden.

Die Reihe der so platzierten Stühle sollte daran erinnern, dass jeder Auswanderer nach Amerika hier – in Europa – einen „Stuhl“ zurückgelassen hatte. Das war eine Kunstaktion, die in Zusammenhang gestanden hatte mit der Eröffnung des Auswanderer-Museums in Bremerhaven.

In einem der Restaurants dort an der Weser, in dem wir manchmal gesessen hatten, war unser Blick oft auf diese Installation gefallen. – – – Den oben beschriebenen inhaltlichen Hintergrund zu „jenen seltsam platzierten Stühlen“ hatten wir für unsere Gäste übersetzt. Ein allgemeines Thema war es bei uns nicht geworden.

Ronald Anderson (R.A.) hatte diese Installation allerdings mehr beschäftigt als wir damals wahrgenommen hatten. – – –  Einige Monate, nachdem R.A. nach Oklahoma zurückgekehrt war, hatten wir einen Brief erhalten, der dieses Foto enthalten hatte:

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Es zeigt die Themen, die er mit nach Hause genommen hatte: Sein Gemälde „Thinking Out“ (siehe „Kunstbegegnungen – 25“) steht ganz unten, darüber gibt es einen Aufbau im Hochformat mit einem „abstrakten Gemälde“ (in den Farben gelb und blau), und ganz oben ragt schließlich ein gelber Stuhl, den R.A. auf einem Holzpfahl befestigt hatte, hinein in das Schwarz des Hintergrundes.

Dabei handelt es sich um das erste Foto zu dem Thema, das Ronald Anderson uns aus Oklahoma geschickt hatte. Im Grunde genommen zeigt es die Verarbeitung seiner Eindrücke aus Bremen (Deutschland).

Entstanden war „ein Spiel mit Erinnerungsstücken“…

Bei diesem Spiel ist es allerdings nicht geblieben. Ronald Anderson hatte sich weiterhin mit dem Thema auseinandergesetzt! Und als uns schließlich das Ergebnis seiner anhaltenden Auseinandersetzung in Form eines weiteren Fotos erreichte, waren die Stühle auf einen Baum umgezogen und hatten die Farbe Rot angenommen. In unmittelbarer Nachbarschaft dazu hatte R.A. eine große indianische Trommel befestigt: Noch sind die Stühle gestapelt, und einer steht deshalb „verkehrt herum“. Ein Verweis auf die Zeit, als die ankommenden Europäer gerade dabei waren, es sich in der „Neuen Welt einzurichten“.

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Mit dem Umzug in die Baumwipfel knüpfe ich an meine Interpretation von „Thinking Out“ (siehe „Kunstbegegnungen – 25“) an. Darin spreche ich von der „Freiheit des Denkens“, die dort oben in den Wipfeln zu spüren ist (womit R.A. sich sehr verstanden gefühlt hatte): Auf dem Gemälde „Thinking Out“ von R.A. war diese Gedankenfreiheit im Eintauchen seines Denkens in sein „indianisches Bewusstsein“ zu verstehen. Diese Baum – Installation von Ronald Anderson zeigt eine bestimmte Phase der Vergangenheit:

Das Denken der Einwanderer ist auf die Bäume gezogen!

Selbstbewusst haben sich die amerikanischen Ureinwohner ebenfalls auf die Bäume begeben und versucht, ihr eigenes Denken zu bewahren oder zu integrieren.

Und, um ihrem Willen zur Selbstbehauptung Ausdruck zu verleihen, haben die amerikanischen Ureinwohner laut ihre Stimme erhoben – symbolisiert durch die Trommel…

Das nächste Foto zeigt, zu welchem Ergebnis der weitere Verlauf der Geschichte geführt hatte:

 Inzwischen war der gesamte Baum von „Stühlen“ bevölkert worden!

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Bild oben: Ronald Anderson kommt dem Betrachter entgegen; seine Baumskulptur ist im Hintergrund zu sehen. – – – Bild unten: Aus einem anderen Blickwinkel und zu anderer Tageszeit ist diese Baumskulptur noch einmal zu sehen.

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Wenn ich bei diesem Anblick meinen Interpretationsansatz (*1)  konsequent zu Ende denke, dann fällt mir dazu folgender Titel  ein: „Der besetzte Baum“… (*1 Siehe meine Ausführungen zur „Freiheit des Denkens“ oben und in „Kunstbegegnungen – 25“)

Vor einiger Zeit jedoch hatte mir Cynthia Adams geschrieben, welches die Vorstellung ihres Onkels Ronald Anderson ist, die er mit seinem Kunstwerk, der Baumskulptur, verbindet: ‚Der Baum, die Erdmutter,  breitet die Arme (Äste) aus und wartet darauf, dass seine, ihre Kinder nach Hause kommen‘. (Sinngemäß wiedergegeben)

 Eine Umwidmung der  Bedeutung des Symbols „Stuhl“ von Ronald Anderson!

Es ist eine anrührende Vorstellung, dass dieses Arrangement ein Symbol für den Wunsch darstellt, im Kreise der eigenen Familie erwartet und empfangen zu werden. Die Erd-Mutter wartet mit ausgestreckten Armen (Ästen) auf alle Familienmitglieder, dabei auf jedem Arm einen Stuhl haltend. Die Vereinigung lässt dem Gefühl der Zusammengehörigkeit seine Kraft entfalten und die eigenen Wurzeln spüren.

Und so ist die Baum – Skulptur „Muttertag“ (*2) das Symbol dafür, endlich ganz bei sich selbst angekommen zu sein – nach einem langen Weg der Identitätssuche…  

                                                   Interpretation: Renate Hugel

(*2) Die Namensgebung „Muttertag“ bezieht sich darauf, dass Ronald Anderson den „Stühle-Baum“ an einem Muttertag fertiggestellt hatte. An das Jahr kann er sich nicht mehr erinnern.

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Ronald Anderson habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 1“, „Kunstbegegnungen – 13“, „Kunstbegegnungen – 19“, „Kunstbegegnungen – 25“ und „Kunstbegegnungen – 28“  geschrieben. Zusätzlich gibt es eine Erwähnung unter „Kunstbegegnungen – 16“ (dem Beitrag zur Gemeinschaftsarbeit „Blockbilder“).

Anmerkung 2: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann  zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“.                                            Renate Hugel

„Kunstbegegnungen – 27“

Sherman Chaddlesone – Künstler Amerikanischer Ureinwohner 

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Sherman Chaddlesone – – – 2. Juni 1947 – 17. August 2013: “Ohne Titel” – – – Gouache, Filzstift auf Klappkarte, 18 cm x 13 cm – – – Anadarko, Oklahoma / USA, 2001

Ankunft einer Gruppe “Blauen Reiter”

 Wir hatten Post bekommen.

Indem wir gespannt den Briefumschlag öffneten, kam uns eine „Gruppe Blauer Reiter“ entgegen!

In den Händen hielten wir eine Klappkarte, gemalt von Sherman Chaddlesone. In ihrem Inneren enthielt diese Karte eine „Botschaft“…

Sherman Chaddlesone hatte uns u. a. mitgeteilt, welche konkreten Vorbereitungen sie bereits in Angriff genommen hatten für unseren geplanten Gegenbesuch. Diese Planung hatte damals spontan stattgefunden und war vor allem der Wunsch unserer Gäste, der amerikanischen Ureinwohner, gewesen. Wir hatten uns gar nicht getraut gehabt, solch einen Wunsch zu äußern!

Im Bildzentrum befindet sich eine Gruppe von drei amerikanischen Ureinwohnern mit ihren Pferden. Sie kommen in ihrer Identität als „Indianer“, wie es an ihren Häuptern zu erkennen ist. Der Reiter auf der linken Seite trägt den typischen „Federschmuck“. Die Person auf der rechten Seite trägt eine Maske, währen der mittlere Reiter im Hintergrund eine „Tierkopfmaske“ trägt. Dabei handelt es sich um die Darstellung eines „Bison-Kopfes“.

(Ich bin inzwischen überzeugt davon, dass Sherman Chaddlesone sich selbst damit dargestellt hatte: Im Jahr 2012, noch vor seiner erneuten schwerwiegenden Erkrankung, hatte Sh. Ch. ein Selbstbildnis erstellt mit dem Titel „Odlepah (Buffalo Bird) Self Portrait“. Dabei trug er solch eine „Bison-Maske“, was auf seinen Großvater zurückgeht. Auf diesem Kunstwerk hatte er sein eigenes Erscheinungsbild als kraftvoll und gleichzeitig sensibel herausgearbeitet, sowie als einen mit wachem Geist und hoher innerer Präsenz.)

Es fällt weiterhin auf, dass sich alle drei Reiter warm angezogen hatten und sogar Nase und Mund mit einem Tuch im Gesicht warm hielten. Auf dem Weg zu uns kamen sie schließlich in kalte Gefilde – vor allem während der Wintermonate… Die wärmende Bekleidung ist außerdem zweifelsfrei an dem Bein zu erkennen, das zu dem Reiter auf der rechten Seite gehört und den Pferdekörper umschließt. Es ist bekleidet mit wollenen Leggings in blauer Farbe mit roten Streifen.

Dieses Detail ist ein Hinweis darauf, dass es sich um Kiowa Indianer handelt: Sie pflegen nämlich jährlich das große „Pow – Wow – Festival der Black Leggings“, der „Kiowa Black Leggings Warrior Society“, zu zelebrieren. Die schwarzen Leggings waren offenbar gegen blaue Woll-Leggings getauscht worden.

Dass diese drei Abgesandten in friedlicher Absicht kommen, ist an der Haltung der langen Lanze zu erkennen!

Die feinsinnig gestaltete „Gruppe der Blauen Reiter“ im Vordergrund des Bildes steht in einem gewissen Gegensatz zum Hintergrund des Bildes.  Die dort gesetzten Schraffuren erinnern an eine Trennlinie, während die rote Farbe auf eine „blutige Grenze“ verweist. Nach meiner Überzeugung hatte  Sh. Ch. die gesamte Gestaltung dieses Hintergrundes bewusst in „derbem Stil“ belassen…

Über jener roten Grenzlinie verläuft eine feine grüne Linie: Es ist also bereits eine dünne Grasdecke gewachsen! Darum haben sie zur Orientierung eine hoch ragende Markierung mit blauem Federbüschel gesetzt, um das Darunter nicht zu vergessen. Denn, die Folgen dieser vergangenen blutigen Ereignisse sind tief in ihnen selbst, unter der Oberfläche, noch immer präsent.

Zu sehen ist also der Verlauf einer „Grenze“, welche offenbar nun überwunden worden ist. Die Gruppe amerikanischer Ureinwohner zeigt sich in einer Pose, die eine freundliche und offene Gesinnung vermittelt…

Diese Botschaft enthält also einen großen Vertrauensbeweis!

Und schließlich möchte ich noch erwähnen, welch tolles „Bonbon“ darüber hinaus uns mit dieser Karte erreicht hatte:

Die gewählte blaue Farbgebung, zusammen mit den blauen Pferden, gibt damit einen weiteren Hinweis – denn, diese Reitergruppe befindet sich hier auf dem Kontinent, wo einst die Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ gegründet worden war. Damit steckt auch eine Würdigung der Künstler des „Blauen Reiter“ in diesem kleinen Kunstwerk!     Interpretation: Renate Hugel

 

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Sherman Chaddlesone habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 5“, „Kunstbegegnungen – 11“, „Kunstbegegnungen – 24“ und „Kunstbegegnungen – 27“ geschrieben. Zusätzlich gibt es eine Erwähnung unter „Kunstbegegnungen – 16“ (dem Beitrag zur Gemeinschaftsarbeit „Blockbilder“).

Anmerkung 2: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann  zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“.  Renate Hugel

„Kunstbegegnungen – 26“

“Der Abschied”

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Oben: Ronald Anderson: Die Galerie „pro art“ – – – Tuschezeichnung auf Aquarellkarton, 24 cm x 18 cm, Bremen, 2000 – – – Unten: Foto der Galerie pro art“ von innen; Arbeitsatmosphäre, Bremen, im Sommer 2000

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Der Abschied

Der Tag des Abschieds war immer näher gekommen. Unser Gefühl für das nahende Ende verstärkte sich ab dem Tag bei uns, an dem wir angefangen hatten, die drei geplanten Ausstellungen vorzubereiten.

Damit war die gemeinsame Zeit während der (zwar individuellen) künstlerischen Arbeit endgültig beendet gewesen! Das hatte in Konsequenz bedeutet: Ein jeder, eine jede hatte sich alsbald in der Einsamkeit des eigenen Ateliers wieder eingefunden. Seine persönliche Sichtweise dazu zeigt eine Arbeit von Roland Schneeweiss. Er hatte mir – in Kopie – seine (ältere) Tuschezeichnung „Atelier“ zu diesem Thema zugesandt:

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Roland Schneeweiss: „Im Atelier“ – – –  Tuschezeichnung

Mit dem Ende der Symposiums Zeit schließe ich den ersten Teil meiner Interpretationen ab.

Aus diesem Anlass gebe ich noch einmal einen Überblick über die „äußeren Fakten“:

Thema des Symposiums:  Versuch einer Begegnung: Künstler Amerikanischer Ureinwohner – Europäische Künstler – Projekt, Symposium, Ausstellungen

Zeit des Symposiums:  15. Juli – 12. August 2000

Veranstaltungsort:  Die Räumlichkeiten der damaligen Galerie “pro art” in Bremen – Neustadt (der ehemalige Neustadts Bahnhof).

Die Ausstellungen:

–         Galerie „pro art“, Bremen – Neustadt

–         „Kapitel 8“, Evangelisches Informationszentrum, Domsheide 8, Bremen – Mitte

–         „Galerie Popolo“, Bremen – im „Viertel“

Teilnehmerinnen und Teilnehmer:

Ronald Anderson, Künstler Amerikanischer Ureinwohner (Chickasaw, Choctaw und Cherokee und ein Mitglied des Chickasaw Stammes aus Tishomingo Oklahoma), aus Oklahoma (USA)

Sherman Chaddlesone, Künstler Amerikanischer Ureinwohner (Kiowa) aus Anadarko, Oklahoma (USA)

Kelly Church, Künstlerin Amerikanischer Ureinwohner (Anishnabe) aus Michigan (USA)

Jereldine Redcorn, Künstlerin Amerikanischer Ureinwohner (Caddo) aus Norman, Oklahoma (USA)

Als Gast: Cherish Parrish, Tochter von Kelly Church und damals ca. 12 Jahre alt (heute: Cherish Nebeshanze Parrish)

Margaret Hettrick, Künstlerin, damals aus Zeven, Deutschland (heute lebt sie bereits längere Zeit in Texas)

Christa H., Künstlerin aus Bremen, Deutschland (Ch. H. hatte sich 2004 von dem Projekt verabschiedet, siehe dazu „Chronologie der Vorgeschichte“)

Heinz Hugel, Künstler aus Bremen, Deutschland

Renate Hugel, Künstlerin aus Bremen, Deutschland

Elke L.**, Künstlerin aus Bremen, Deutschland (** Der Name wurde auf Wunsch geändert. Elke L. hatte sich 2004 von dem Projekt verabschiedet, siehe dazu „Chronologie der Vorgeschichte“)

Roland Schneeweiss aus ursprünglich Bulgarien, damals aus Rotenburg, Deutschland (seit Längerem wieder in Bulgarien ansässig)

Auch möchte ich an dieser Stelle den Personen danken, die wesentlich zum Gelingen des Symposiums  beigetragen hatten:

 Danksagung

Zunächst möchte ich Margaret Hettrick (damals: Herting) danken, denn ohne ihre Vision (meinen ausgesprochenen Gedanken Realität werden zu lassen) wäre mein spontaner Gedanke in der Unendlichkeit verhallt! (Siehe dazu „Chronologie der Vorgeschichte“) Außerdem hatte sie sich hier in Bremen stets um die Belange unserer Gäste gekümmert!

Genauso fundamental wichtig war die Leistung von Linda S. Poolaw! Sie war es, die die Strukturen und Kontakte herstellen konnte, so dass Künstler Amerikanischer Ureinwohner sich für eine Teilnahme dort bewerben konnten. Darum geht mein Dank auch an sie!

Meinen folgenden Dank widme ich Jochen Biber. Er und sein Team hatten es uns ermöglicht, die Galerie „pro art“ einen ganzen Monat lang zu nutzen, sowie eine anschließende Ausstellung dort ausrichten zu können!

Weiterhin danke ich der damaligen Leitung  von „Kapitel 8“, dem Evangelischen Informationszentrum in Bremen, wo wir eine Ausstellung aufbauen konnten.

Ich danke auch der Galeristin der ehemaligen Galerie „Popolo“ für die Ausstellungsmöglichkeit bei ihr.

Schließlich danke ich noch Herrn Klaus Peter Fischer, dem damaligen Ortsamtleiter Bremen – Neustadt. Er hatte für unsere Gäste und uns eine Führung durch den Ortsteil organisiert, uns zu geschichtlich interessanten Orten oder Denkmälern geführt, sowie diese  erläutert.

Renate Hugel

„Kunstbegegnungen 25“

Ronald Anderson

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Ronald Anderson – Künstler amerikanischer Ureinwohner –

“Thinking Out (“Gedankengänge”), Acryl on canvas; approx. 60 x 85 cm; Bremen (Germany) 2000

„Thinking Out“(„Gedankengänge“)

Die Zeit unseres Symposiums neigte sich inzwischen dem Ende zu. An diesem Tag hatten wir alle spontan beschlossen, „nach draußen“ zu gehen. Es bildeten sich kleine Gruppen, die dann ebenso spontan in verschiedenen Richtungen verschwunden waren. Ronald Anderson (RA) hatte sich meinem Mann und mir angeschlossen. Gemeinsam gingen wir an die Weser, wo wir uns im Gras des Deiches niederließen. Und, da RA seine Materialien zum Malen mitgenommen hatte, dauerte es nicht lange und seine Eindrücke und Gedanken flossen unentwegt aus ihm heraus, direkt auf die Leinwand.

Die Stelle, an der wir uns ins Gras gesetzt hatten, war nicht so sehr weit entfernt von der damaligen Galerie „pro art“; die Weser hatten wir auf unserem Weg nicht überquert. Und auf dieser linken Weserseite liegt die sog. „Neustadt“. Das ist der Teil von Bremen, der erst „später“ entstanden ist, als es in der „Altstadt“ nicht mehr genug Wohnraum gegeben hatte. „Später“, das war immerhin im 17. Jahrhundert gewesen!

An dieser unserer Stelle am linken Weserufer fiel unser Blick auf die rechte Weserseite und äußere Peripherie des ursprünglichen Stadtkerns, das historische Zentrum der Bremer Innenstadt. Genau in unserem Blickfeld befand sich die Kirche St. Stephanie, deren Kirchturm unübersehbar war.

Auf dem Gemälde von RA gibt es vier waagerechte Ebenen, welche ich die „realen Ebenen“ nenne:

Am unteren Bildrand entlang zieht sich ein relativ schmaler grüner Streifen. Er stellt die Grasfläche dar, auf die wir uns gesetzt hatten. Allerdings sind nicht wir darauf zu sehen. Vielmehr entwickelt sich dort eine irreale Szene – „Gedankengänge“ von Ronald Anderson und somit eine „Mega-Ebene“. Auch die anderen realen Ebenen haben je eine Mega-Ebene.

Der ersten grünen waagerechten Ebene folgt ein breiter blauer, ebenfalls waagerechter Streifen. Dieser stellt den Fluss  die „Weser“, dar.

Die dritte waagerechte Ebene ist wieder grün und schmal. Es ist das Gras des Deiches auf der anderen Uferseite. Dass es dort einen Gehweg gibt, zeigt der feine blau-graue helle Streifen unterhalb des Grüns. Am oberen Rand dieses Grüns sind Bauten zu erkennen, Häuser und die Kirche mit ihrem Kirchturm. Ein kleines Detail möchte ich noch erwähnen: Bei genauer Betrachtung ist rechts von Kirchturm und Häusern ein Deich Schart mit geschlossenem Siel-Verschluss zu erkennen. Dieser steht jedoch nicht an dieser Stelle dieses Deiches. In seiner „künstlerischen Freiheit“ hatte RA diesen alten Hochwasserschutz „verschoben und ins Blickfeld gerückt“. Bei einer „Stadtführung durch die Neustadt“* hatten wir diesen Zugang zum Weserufer gesehen – allerdings „geöffnet“ – denn geschlossen wird er nur bei extremem Hochwasser. *Dankenswerterweise hatte der Ortsamtsleiter, Klaus-Peter Fischer, uns zu dieser Führung eingeladen!

Der vierte und obere Teil des Bildes ist ausgefüllt mit einem breiteren waagerechten blauen Band, das den Himmel darstellt.

Dieses sind die Bild-Elemente, die auf die äußere Realität hinweisen.

Nun möchte ich auf die verschiedenen „Mega-Ebenen“ zu sprechen kommen:

Ich beginne mit den Spiegelungen im Wasser der „Weser“, die sich vor dem rechten Weserufer dem Betrachter aufdrängen. Feuer, Wasser und Rauch wühlen den ebenmäßigen Fluss des Wassers auf. Tatsächlich stellen sie Explosionen dar, die nach Bombenabwürfen von Flugzeugen sich ereignet hatten – während des zweiten Weltkrieges! Diese Information macht den Betrachter darauf aufmerksam, dass oben links gerade am Himmel ein Flugzeug im Sinkflug zu erkennen ist, das sich darauf vorbereitet, weitere Bomben abzuwerfen. Auch ein weiteres Detail schiebt sich nun ins Bewusstsein des Betrachters: Unterhalb der gespiegelten Explosionen sind fünf weitere Flugzeuge in waagerechtem Flug zu sehen. Diese scheinen den Rückflug anzutreten.

Im krassen Gegensatz zu dieser aufwühlenden Erinnerung ruhen die Häuser hinter dem Deich in friedlicher Atmosphäre – gleich einer Idylle. Und mittendrin in dieser anrührenden Idylle ragt der Kirchturm von St. Stephanie hervor!

Der Himmel über dieser friedlichen Idylle ist blau und die Wolken sind fast schon verschwunden. Dafür taucht nun eine kleine Wolke dort auf, die in sich die „indianischen Farben“* trägt. Diese stehen für Folgendes: GELB für Osten, Neuanfang, Geburt; ROT für Süden, Jugend, Lernen; SCHWARZ für Westen, Erwachsensein, die Nacht; WEISS für Norden, Alter, Weisheit, Lebensende. *Siehe dazu „Kunstbegegnungen – 16“ (Ausführung zu Kelly Church).

Jede Farbe entspricht also einer Lebensphase und verkörpert das, was das Leben in jeder Phase von den Menschen abverlangt. Somit erinnert diese kleine Wolke daran, dass wir bewusst und achtsam alle Phasen unseres Lebens durchleben sollen. Und darum ist diese Wolke für mich eine „Friedenswolke“…

Ich verlasse jetzt das blaue Band, das für das Weserwasser steht.

Das untere grüne Band entspricht der Grasfläche, auf der wir alle, Ronald Anderson, mein Mann und ich, gesessen hatten was auf dem Bild ja unerwähnt geblieben ist. Trotzdem ist dort eine ganze Menge los! – Nämlich auf der „Mega-Ebene“! So sind dort fünf Bäume zu sehen, die alle in einer Reihe stehen.

Irgendwie sehen diese Bäume merkwürdig aus, das war meine spontane Empfindung.

Der Hinweis von RA, den er uns damals – im Jahr 2000 – gegeben hatte, hat mir inzwischen weitergeholfen: Er sagte, dass für ihn das Leben in den Wipfeln von Bäumen stattfindet, nicht auf der Erde (aus dem Gedächtnis formuliert).

Die Frage, die ich mir seitdem gestellt hatte, war die: „Warum zieht es ihn in die Baumwipfel?“

Es folgten bei mir weitere Fragen: Warum lieben Kinder es, auf Bäume zu klettern, oder in einem Baumhaus zu sein? Warum lieben das sogar Erwachsene, die sich heutzutage ganze „Villen“ in Baumkronen einbauen lassen können?

Die Antwort, die (aufgrund meiner inneren Fragen) sich schließlich in mir „formulierte“, war die: „Mit Hilfe der Kraft der Bäume gelangt man in die erhabenen Höhen der Wipfel – dorthin, wo die Winde ihren freien Weg ziehen. Die in der Kraft des Windes zu spürende Energie ist eine Kraft, die aus der Freiheit kommt. Dieser möchten die Gedanken des Menschen folgen.“

Es ist also die Freiheit des Geistes, die dort oben sich ereignet!

Wie sieht die Freiheit des Geistes für RA aus? Man braucht sich nur die Baumwipfel anzusehen: Alle fünf Baumkronen erscheinen in der Form von Tipis!

Das ist also seine Freiheit des Geistes, ganz unbehelligt das „indianische Denken“ in sich bewahren zu können, was auf der Ebene der äußeren Realität für die Vorfahren aller amerikanischer Ureinwohner nicht gestattet war:

Die Baumkronen wurden für RA also zum Symbol für die Freiheit des Denkens.

Im Hintergrund der Bäume sind auf dem Gras braune Skelette von Tipis zu sehen, die gerade umgestoßen und zerstört werden…

Es schwingen sich blaue Silhouetten von menschlichen Gestalten von Baumkrone zu Baumkrone. Sie wissen nicht, welcher „Stamm“ der ihre ist. So sind sie auf ständiger Identitätssuche!

Die Identitätssuche veranlasste auch Ronald Anderson immer wieder zum „Wechseln des Baumes“, also seines Lebenszentrums.

Eine Erinnerung an einstige Gemeinschaften und Zugehörigkeiten sind unter der Baumkrone auf der rechten Bildseite angedeutet: Wiederum als Silhouette, aber hier in erdigem Farbton, führen dort „geerdete und miteinander verbundene (sich anfassende) Menschen“ ihre Tänze in der Gemeinschaft der Gruppe aus! Eine vergangene Realität! Und so schweben sie im Dunkel des Entschwundenen und Vergangenen…

Schließlich gibt es noch eine letzte „Mega-Ebene“ vor den fünf Bäumen! – Was erzählen jene Szenen auf diesem dünnen Grasstreifen entlang des unteren Bildrandes?

Nach allem, was ich oben herausgearbeitet habe, fällt besonders auf, dass diese Menschen auf dem Boden der Realität stehen oder sitzen. Es handelt sich also um Menschen, die ihre eigene Identität gefunden haben. Aus den kurzen Statements von Ronald Anderson aus dem Jahr 2000 weiß ich, dass diese dargestellten Personen Künstler der europäischen Kunstgeschichte sind. Damit steht nun dieses Weserufer hier in Bremen für den Boden Europas und seine Kunst!

Vor dem zweiten Baum von links sitzt eine Gruppe von Menschen, während eine andere Person mit dem Fahrrad ins Bild „rollt“. Ich erinnere mich an Namen wie Cézanne, Gauguin und van Gogh. Sie haben Neues gewagt, indem sie ihre subjektiven Empfindungen zum Ausdruck gebracht hatten. Später wurden sie als Post-Impressionisten bezeichnet: Sie hatten mit ihrer Kunst den Weg zu neuen Entwicklungen bereitet. Z. B., Personen oder Gegenstände allein durch Farbe und, oder Form darzustellen. Auch das Herausarbeiten der Grundformen von Motiven war ein Ansatz, der später weiterentwickelt werden sollte: Die konsequente Fortführung dieses Gedankenansatzes führte so zum Kubismus. Dessen Hauptvertreter befinden sich auf der rechten Seite: Pablo Picasso und George Braque – dargestellt als Harlekins! – In der Tat hatten sich beide Künstler, Picasso, wie auch Braque, mit dem Harlekin auseinander gesetzt und ihn gemalt – als Ausdruck einer langen Entwicklungsgeschichte seit dem Mittelalter.

Mit dem Künstler auf dem Fahrrad hatte RA nach meiner Erinnerung Vincent van Gogh gemeint. Er ist der Künstler, der sich total darauf eingelassen hatte, sein subjektives Empfinden in seiner Malerei auszudrücken. Für mich hatte RA dieses mit der Nacktheit ausgedrückt. Von van Gogh gibt es noch eine andere Seite der Persönlichkeit. Auch diese hatte Ronald Anderson dargestellt: Wenn der Blick von dieser untersten Ebene nach rechts außen gerichtet wird, entdeckt man eine Person, die sich gerade an den Baumstamm dort anlehnt. Gekleidet ist Vincent van Gogh in Anstaltskleidung und scheint allein mit sich selbst beschäftigt zu sein – während seine Malutensilien hinter dem Baumstamm im Gras liegen…

Indem nun der Blick auf den Baum am Rand der linken Bildseite gerichtet wird, erkennt man auf dem Gras davor etwas, das aus dem Schatten heraus tritt. Die Vergrößerung zeigt die Details:

Die dunklen Schatten entpuppen sich durch die Vergrößerung als „artistische Spaßvögel“, die gerade ein Gemälde auf die „Bühne der Kunst“ tragen. Dabei schien es sich zunächst um ein abstraktes Gemälde zu handeln. Doch in der Detail-Ansicht blickt aus den impressionistisch aufgetragenen Farbpunkten ein Gesicht mit Hut hervor. Ich interpretiere es als „Zitat“ des Bildes von Vincent van Gogh „Selbstportrait mit Strohhut“.

Ronald Anderson hatte mit seinem Bild u.a. „mal eben“ den Wandlungsprozess dargestellt, wie er sich im 19. Und 20. Jahrhundert in der Auffassung und Definition von Kunst vollzogen hatte!

                                                                                                         Interpretation: Renate Hugel

Zur besseren Orientierung füge ich hier einige Detail-Ansichten des Gemäldes hinzu:

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Abbildung von Details des Kunstwerks: Detail, links: Die beiden Harlekins: Pablo Picasso und George Braque, Detail, rechts:: Vincent van Gogh,  an den Baumstamm gelehnt

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Detail: Das „Selbstportrait mit Strohhut“ von  Vincent van Gogh wird auf die „Bühne der Kunst“ getragen (= „Zitat“ von Ronald Anderson)

Zum Schluss möchte ich noch eine interessante Tatsache erwähnen:

Diese Kirche „St. Stephanie“, die in dem Bild „Thinking Out“ von Ronald Anderson eine friedvolle Rolle spielt, ist inzwischen eine „Kunstkirche“ geworden.

Seit dem Jahr 2007 ist die Kirche „St. Stephanie“ bereits die erste Kunstkirche bzw. Kulturkirche in Bremen. Ausstellungen, Aktionen oder Theater sind nur einige Beispiele für die Breite des Kulturangebotes. Diese Veranstaltungen finden im Hauptschiff der Kirche statt.  Renate Hugel

Anmerkung 1: Aktueller Stand: Zu Ronald Anderson habe ich unter „Kunstbegegnungen“ die Beiträge „Kunstbegegnungen – 1“, „Kunstbegegnungen – 13“, „Kunstbegegnungen – 19“ und „Kunstbegegnungen – 25“ geschrieben.

Auf HOME finden Sie darüber hinaus eine „Anmerkung zu Ronald Anderson“ (vom 24. 07. 2015).

Zusätzlich gibt es eine Erwähnung unter „Kunstbegegnungen – 16“ (dem Beitrag zur Gemeinschaftsarbeit „Blockbilder“).

Anmerkung 2: Die Beiträge unter „Kunstbegegnungen“ beziehen sich auf das Symposium „Versuch einer Begegnung – Fünf Künstler und Künstlerinnen Amerikanischer Ureinwohner treffen sich mit fünf europäischen Künstlern und Künstlerinnen“. Dieses hat im Jahr 2000 in Bremen (Deutschland) stattgefunden. Wer sich über die Entstehung des Symposiums informieren möchte, kann  zurück scrollen bis „Kunstbegegnungen – 1“, dann weiterscrollen zur Information zu ‚Kunstbegegnungen‘; danach finden Sie dann die „Chronologie der Vorgeschichte“.                                                                                                                            Renate Hugel